Kultur : Schiffe verschenken

Bei Christoph Schlingensief und Richard Wagner in Brasilien / Reisenotizen von Kirsten Harms

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Donnerstag, 19. April. – Vom Haifischbecken Berlin ins Piranha-Paradies Manaus in nur 24 Stunden. Erster Eindruck von der brasilianischen 1,6-Millionen-Stadt in den Tropen: Überwältigung. Die feuchte Hitze, die überbordende Vegetation, das Ausmaß des Zerfalls, die Masse der Menschen in den Straßen. Morgen das erste Schlingensief-Happening, eine Art Ouvertüre zur „Holländer“-Premiere am Sonntag. In Manaus kommen eine Menge Mythen zusammen. Kautschukkapitale und Opernstadt, unvorstellbarer Reichtum in unvorstellbar kurzer Zeit, Humboldt und die Natursehnsucht der Deutschen, Klaus Kinskis Fitzcarraldo und die Spiegelung des Künstlerwahnsinns im Unternehmerwahnsinn.

Der Amazonas, an manchen Stellen elf Kilometer breit. In Manaus fließen Rio Negro und Rio Solimoes zusammen. Seit elf Jahren gibt es hier das Opernfestival, zu dem nun Schlingensief eingeladen ist. Das Goethe-Institut hat koproduziert und zu dieser machtvollen Doppel-Manifestation deutscher Kultur eine Armada deutscher Journalisten einfliegen lassen. Drollig, die überregionale Medienprominenz durch den Dschungel stolpern zu sehen. Wie sie ihre schicken Laptops an morsche Steckdosen anschließen. Sieht so aus, als würde es eher ein Heimspiel für Schlingensief werden.

Freitag, 20. April. – Wir treffen uns im „Taj Mahal“ – richtig gehört. Der Name für das schönste Gebäude Indiens steht in Manaus für den hässlichsten Hotelturm weit und breit. Wir, das sind der Goethe-Instituts-Adel, der deutsche Medientrupp und ausgewählte Spitzen des deutschen wie brasilianischen Kulturbetriebs. Auf dem Vorplatz der Oper wird das Festival in einer Art szenischem Gratiskonzert mit Wagners „Holländer“-Hits und anschließender Prozession eröffnet. Eingerichtet von Christoph Schlingensief. Den Tag über wurden 10 000 weiße Plastikstühle für das Publikum aufgestellt. Noch am Nachmittag wirken die endlosen, leeren Stuhlreihen, die vor und neben der Oper standen, wie eine eigene Schlingensief-Installation. Jetzt sind alle Sitze mit fröhlichen Menschen belegt, viele Kinder darunter.

Die stürmische „Holländer“-Musik wird elektronisch verstärkt wie bei einem Rockkonzert. Wir sitzen gefangen zwischen zwei Riesenboxen. Nach 30 Minuten sind wir taub. Das Blech scheppert. Der Sopran schrillt wie Fliegeralarm. Der maximale Wagner. Totaler geht der „Holländer“ nicht. Das Wagner-Finale verschmilzt mit den lauten Sambatrommeln und bringt das Konzert bald zum Stillstand. Oder setzt es fort mit den Mitteln des Karnevals. Ein „Fliegender Holländer“ aus dem Geist des Rhythmus. Das Religiös-Leidenschaftliche und das Heidnisch-Frivole gehen hier eine verblüffend wirkungsvolle und sinnhafte Fusion ein.

Samstag, 21. April. – Völlig erschlagen von der letzten Nacht. Mit Christoph Schlingensief haben wir bis vier Uhr morgens eine Bootstour von Manaus aus zu einem verfallenen Kloster im Tropenwald gemacht. Eine Fortsetzung der Prozession im engsten Kreis. Es gibt zu essen und zu trinken. Wir landen am gottverlassensten Punkt der Welt. Seit dreißig Jahren ist die ehemalige Leprastation verwaist. Schlingensiefs Assistenten leuchten uns den Weg durch das kariöse, von der Natur zurückeroberte Gemäuer mit grell-weißen Signalfeuern. Im Hintergrund dröhnt der „Holländer“ aus einem Ghettoblaster: „Wenn alle Toten auferstehn …“ Irgendwann gehen mitgebrachte Kuhschädel aus Pappe in Flammen auf. Schlingensief filmt alles begeistert. Letztendlich scheint Brasilien gut zu ihm zu passen, ein Land, das aus dem Chaos immer wieder Neues entstehen lassen kann und dessen größtes Laster die Kunst der Improvisation ist. Dem Regenwald trotz widrigster Umstände eine Stadt und eine Oper abgetrotzt zu haben, nötigt mir immer größeren Respekt ab.

Sonntag, 22. April. – Eine weitere Bootsfahrt. Zu der Stelle, wo die beiden Flüsse zusammenkommen, der eine braun, der andere schwarz. Diesmal haben die Goethes geladen, oder die Getschs , wie man hier den Dichter ausspricht.

Abends in die Oper. Premiere. Es regnet. Passend zum Stück. Die örtliche Kulturbürokratie hat ihren Auftritt. Das System unterscheidet sich grundsätzlich von unserem. Hier werden mit jedem politischen Wechsel auch Theaterleiter und andere Verantwortliche ausgetauscht. Eiskalter Zuschauerraum mit starker Zugluft. Alle wickeln sich in dicke Jacken und Schals. Der Dirigent und Festivalleiter Luiz Fernando Malheiro betritt den Orchestergraben durch das Auditorium wie ein Torero die Arena. Ouvertüre. Dann beginnt das philosophische Ideentheater des Christoph Schlingensief.

Eine Materialschlacht ohnegleichen, überbordend, barock, fantastisch, absurd. In der Pause erklärt mir ein brasilianischer Architekt, dass es in Amazonien kaum eine Wagner-Rezeptionsgeschichte gibt – also auch kein Empfinden für die Zuspitzungen und Tabubrüche eines Schlingensief. Man ist erst mal offen und neugierig und lässt sich auf die Erzählung und Bilder ein. Zweiter und dritter Akt. Eine Samba-Formation verbindet die Akte. Ein trillerpfeifender Dirigent, der stark an Einar Schleefs Respekt heischende Chorführer erinnert, gibt den Takt vor. Zum Schluss überraschend heftiger Applaus, auch überraschend kurz, aber für hiesige Verhältnisse lang. Ein paar Buhs haben sich daruntergemischt.

Mitternacht. Fahrt zum Flughafen. Aus dem Bus sehe ich das neonbeleuchtete Lokal, in dem die Premierenfeier steigt. Ein letzter Blick auf Schlingensief und seine Getreuen. Sie sitzen an einer langen Tafel wie beim letzten Abendmahl. Schlingensief in der Mitte, die Witwe des Happening-Erfinders Allan Kaprow zur Linken, zur Rechten der Fotokünstler Andreas Gursky. Schlingensief blättert in den Prozessakten der Johanna von Orleans. Ich habe sie ihm heute geschenkt.

Die Autorin ist Intendantin der Deutschen Oper Berlin. Christoph Schlingensief inszeniert dort in der nächsten Spielzeit die szenische Uraufführung von Walter Braunfels’ „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“.

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