Kultur : Schilda an Rhein und Ruhr

Etatkürzungen allüberall – die arme Kultur im reichen NRW

Ulrich Deuter

Von der Kölner Art, Probleme zu lösen, hat die Republik im letzten Jahr viel erfahren: Der berühmte Müllskandal lüftete den Schleier über einem ethnologisch interessanten Ritual, mittels dessen in Köln anstehende Streitfragen weggeklüngelt wurden. Aber auch Reue gehört zum katholischen Inventar, und so mag es Teil einer Bußübung sein, dass Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) jetzt seine Entscheidungen ruckzuck und ganz alleine trifft. Schon Anfang des Jahres hatte er seiner parteilosen Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer Einsparungen in Höhe von fast acht Millionen Euro oktroyiert, knapp ein Zehntel des Kulturetetas. Nun hat Schramma aus heiterem Himmel auch die designierte Opernintendantin Barbara Mundel telefonisch einfach wieder abbestellt – eine Tat, die ebenfalls völlig klüngelfrei, nämlich unter Umgehung der Fachdezernentin und aller politischen Gremien, vonstatten ging. Sowie unter souveräner Missachtung eines ausgehandelten, nur noch nicht unterzeichneten Vertrags. Der sollte 2005 beginnen.

Mundel, die erfolgreich das Luzerner Dreisparten-Theater leitet, fühlt sich „total verschaukelt“ und will juristisch gegen die Stadt vorgehen. Namhafte Theaterintendanten schickten ein Protestschreiben an Schramma, die sonst eher zahme Kölner Presse reagierte entgeistert. Die örtliche FDP schloss aus, Schrammas Entscheidung im nachhinein abzunicken, selbst die Grünen, mit der CDU in der Koalition, finden Schrammas Vorgehen „niveaulos“, der OB habe damit „Harakiri begangen“.

Schramma ist allerdings noch lebendig genug für die nächste Patentlösung: Die Opernintendanz solle Kölns Operndirektor Christoph Dammann übernehmen, dessen jetziger Posten gestrichen werde. Dammann gab sich überrascht, aber durchaus nicht abgeneigt. Und so malen sich bereits wieder die Umrisse einer Kölschen Lösung ab: Man ist mit der künstlerisch eher waghalsigen Barbara Mundel eine unbequeme Opernchefin los und kann zugleich eine Stelle einsparen. Zwar ist noch nicht die Rede davon, das Kulturdezernat mit dem Oberbürgermeisteramt zu fusionieren. Doch Überlegungen, die Direktorenposten ganz unterschiedlicher Museen zusammenzulegen, kursieren bereits in der CDU – panisches Getänzel am Rande eines Abgrunds, das kulturpolitisch desaströs ist und finanziell nichts bringt: Die Stadt Köln starrt in ein Defizitloch von über 500 Millionen Euro.

Doch nicht nur in Köln, auch anderswo im Land Nordrhein-Westfalen fallen unter zunehmendem Finanzdruck sicher geglaubte Bastionen. Sowohl in Aachen wie in Münster mussten die Theaterintendanten erfahren, dass verbindliche Finanzzusagen nur Wochen später wieder Makulatur waren, dass die erbrachten Einsparungen nur neue Begehrlichkeiten weckten – Kultur ist laut Landesverfassung eben nur eine freiwillige kommunale Leistung. In Münster stellten die Stadtoberen das Tanztheater zur Disposition, in Aachen gar die von Paul Esterhazy wieder zu beachtlichem Renommee gebrachte Oper. In beiden Städten verhinderten Bürgerproteste das Schlimmste, aber beide Bühnen agieren mittlerweile mit Haushalten, die künstlerische Arbeit kaum noch zulassen.

Ein Zustand, der in Wuppertal schon lange erreicht ist. Intendant Gerd Leo Kuck muss dort für Oper und Schauspiel zusammen mit elf Millionen Euro Jahresbudget wirtschaften; dass dies nicht möglich sein würde, war abzusehen. Nun droht seinem Haus die Insolvenz, in der laufenden Spielzeit wird ein Defizit von 300000 Euro erwartet, Tendenz steigend. Möglichweise aber weist die jetzt an der Wupper gefundene Lösung einen Weg aus der Krise: keine Künstler, sondern 19 Techniker werden entlassen. Das behindert zwar zunächst den laufenden Betrieb, eröffnet aber die Möglichkeit, peu à peu im Theater den Zwängen des Öffentlichen Dienstes zu entkommen – und damit der brachialen Tarifpolitik der Gewerkschaft Verdi, die jüngst auch die Bühnen mit 4,4 Prozent Lohnerhöhung belastet hat. Das trifft fast alle deutschen Stadt- und Staatstheater. Während künstlerische Verträge frei verhandelbar sind, folgen Verwaltung und Technik dem starren Öffentlichen Dienstrecht.

Dennoch, eine Strategie ist zumindest in Nordrhein-Westfalen nirgends zu erkennen. In keiner Kommune gibt es eine Debatte darüber, was man an Kultur will und was eine Stadt wie Wuppertal oder Münster noch wäre ohne sie. Überall folgen Kommunalpolitiker dem naiven Glauben, sie könnten über Kultureinsparungen ihre Haushalte sanieren. Dabei liegen die Gesamtausgaben der öffentlichen Hand für die Künste bundesweit bei einem Prozent.

Nun hat Nordrhein-Westfalens Kulturminister Michael Vesper (Grüne) auch noch angekündigt, die Betriebszuschüsse für die Bühnen um 18 Prozent zu kürzen – in einem Land, das bei den Kulturausgaben bereits im unteren Bereich der deutschen Skala rangiert. Paul Esterhazy rechnet damit, dass sein Aachener Schauspiel nur noch eine Spielzeit durchhält; er selbst will seinen Vertrag über 2005 hinaus nicht verlängern. Gleichzeitig bauen Aachen, Münster und Essen neue Konzerthäuser, baut Köln einen neuen Museumskomplex, bewerben sich Köln und Münster sowie einige Ruhrgebietsstädte als Kulturhauptstadt Europas 2010. Ihnen allen sollte man zu einer Sammelbewerbung raten – unter dem Namen Schilda.

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