Kultur : Schiller ist komisch

Die Angst und die Macht: Regisseur Luk Perceval über „Maria Stuart“ und die Schaubühne

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Luk Perceval, seit Ihren Theater-Anfängen als Regisseur der „Blauwe Mandaag Compagnie“ inszenieren Sie nur Stücke, die Sie auch persönlich berühren. Was spricht Sie in Schillers „Maria Stuart“ an?

Die unmögliche Liebe. Ich finde, es ist eigentlich eine Liebesgeschichte, wobei zwei Frauen, zwei Königinnen den gleichen Mann lieben.

Den Grafen von Leicester.

Richtig, den berühmten Leicester. Und diese doppelte Liebe verursacht Schmerzen, die auf die Weltpolitik ausstrahlen. Man spürt, wie viel Shakespeare Schiller gelesen hat, was mich anspricht. Außerdem gibt es nicht viele Stücke, in denen Frauen als Protagonistinnen derart präsent sind. Es fasziniert mich, Frauen als Königinnen zu sehen, die teilweise von sich selbst sagen, dass sie wie ein Mann zu regieren versuchen.

Wer besitzt denn in Ihren Augen die größere Macht – Maria oder Elisabeth?

Keine von beiden besitzt Macht, obwohl man das vermutet. Schiller zeigt eine Männerwelt, in der diese Frauen als Aushängeschilder der Macht benutzt werden. Das essenzielle Thema des Stücks ist der Machtkampf zwischen Mann und Frau. Die amerikanische Regierung wird ja auch von alten Männern geführt. Ich habe deshalb zwei Schauspieler besetzt, die schon seit Jahrzehnten auf der Bühne stehen, Ezard Haußmann und Erhard Marggraf. Die verkörpern für mich die Dick Cheneys und Donald Rumsfelds der damaligen Zeit.

Das ist in Ihren Augen die heutige, politische Dimension?

Absolut. In diesem Sinne hat sich wenig geändert. Okay, die Regierung Bush hat Condoleezza Rice, aber ich frage mich oft, ob das nicht bloß ein Marketingtrick ist. In Belgien ist es übrigens nicht anders, da braucht die Regierung auch ein paar Frauen, damit sie frau-freundlich erscheint. In letzter Zeit sind das Frauen, die auch noch gut aussehen müssen.

Bei Schiller wird die erotische Konkurrenz zwischen Maria und Elisabeth recht eindeutig entschieden – auch in Ihrer Deutung?

Nein. Ich fände es uninteressant, Maria als Sexikone und Elisabeth als hässliches Entlein zu zeigen. Ich habe ja mit Yvon Jansen und Jule Böwe absichtlich zwei schöne und junge Frauen besetzt.

So wie es sich Schiller ja auch gewünscht hat. Maria solle etwa 25, Elisabeth höchstens 30 Jahre alt sein, schrieb er mal.

Trotzdem wird in den meisten Inszenierungen die Maria-Rolle an Frauen vergeben, die schon zwanzig Jahre im Beruf stehen, und dann dürfen sie endlich die schöne Stuart spielen. Wie in der Oper, da lässt man Tristan und Isolde auch immer von vierzig-, fünfzigjährigen Sängern singen, obwohl das eigentlich sehr junge Menschen sind. Wenn ich einen Text lese, habe ich das Bedürfnis, ihm zu widersprechen. Mich zu fragen: Ist es nicht viel interessanter, es umgekehrt zu denken?

Interessiert Sie das Drama als Religionsfehde? Immerhin haben Sie ein katholisches Internat besucht und hatten täglich ein Christus-Bild mit blutendem Herzen vor Augen.

Ich empfinde mich selbst jedenfalls nicht als religiös, nicht im Sinne eines Dogmas. In Belgien gibt es einen berühmten Schriftsteller, Hugo Claus, der gesagt hat, Katholizismus sei der ideale Boden für Kreativität und Anarchie. Da ist viel Wahres dran. Allerdings denke ich, dass mittlerweile der Kapitalismus die Angstkultur des Katholizismus übernommen hat, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen beiden Systemen. Als ich jung war, wurde vor der roten Gefahr gewarnt, heute ist es der Terrorismus.

Sie gelten als Regisseur, der Schauspielern enorme Freiheiten lässt. Versuchen Sie trotzdem, das Ensemble am Ende zu ihrer Sicht der Dinge zu verführen?

Klar. Es ist ja nicht so, dass ich als Regisseur während der Probe die Schauspieler anbete, wie toll und kreativ sie alle sind. Ich probiere lange, ich sage den Schauspielern: Bietet an. Ich filme das mit, reflektiere es, zeige es ihnen, wir bauen zusammen eine Dramaturgie auf. Das ist meine Arbeitsmethode. Es geht darum, den Punkt zu erreichen, wo ich den Menschen auf der Bühne einfach gerne zusehe. Schön ist es, wenn ich sie auch liebe. Noch schöner ist es, wenn ich mit ihnen ein Bier trinken möchte. Und am allerschönsten ist es, wenn ich sie auch noch anfassen möchte.

Kommt das oft vor?

Natürlich nicht so häufig, weil es sich ja nicht gehört. Aber ich habe schon erlebt, dass ich nach einer Vorstellung einer wahnsinnig tollen Schauspielerin Blumen kaufen wollte, weil sie mich so berührt hat. Diese Art von Intimität, man kann es auch Begegnung nennen, finde ich enorm wichtig. Wenn ich etwas wiedererkenne, vom dem ich dachte, dass es nur zu meinem privaten Leben gehört, und was plötzlich jemand teilt. Danach suche ich.

Sie sind seit „Schlachten!“, Ihrer Inszenierung von Shakespeares Rosenkriegen, berühmt für einen radikalen Umgang mit Sprache. Werden wir Schillers Verse wiedererkennen?

Es ist totaler Quatsch, mich als Textvergewaltiger oder Shakespeare-Zertrümmerer zu stigmatisieren, wie es oft geschehen ist. Wenn ich einen Text radikal angehe, dann, weil ich das Bedürfnis habe, ihn direkter zu erzählen. Wie Racine zum Beispiel, der für ein lyrisches Theater geschrieben hat, das allerdings nur auf Französisch funktioniert. Oder Shakespeare. Der hat einen völlig anderen Saft im Englischen als auf Deutsch, da bearbeite ich die Sprache. Aber jetzt befasse ich mit einem Text, der urdeutsch ist und den ich sehr schön finde in seiner Musikalität. Ich habe es also nicht gewagt, den heiligen Schiller anzufassen.

Können Sie Humor in „Maria Stuart“ entdecken?

Ich finde, dass wahnsinnig viel Humor drin ist. Ich muss oft laut darüber lachen, wie die Menschen in diesem Stück miteinander umgehen. Der Stab um Elisabeth zum Beispiel besteht aus total frustrierten Menschen, die alle nicht die Position haben, die sie bekleiden möchten. Das erzeugt eigentlich sehr viel Humor. Aber seit ich Marius von Mayenburgs „Das kalte Kind“ inszeniert habe, bin ich bei diesem Thema ein bisschen verunsichert. Als ich das Stück gelesen habe, fand ich es total lustig. Ebenso „Turista“. In Antwerpen war das ein Publikumsliebling, was haben die Leute gelacht. Dann haben wir es hier an der Schaubühne in Berlin gespielt – auf einmal war der Humor verflogen.

Der deutsche Ernst?

Ich glaube, das hat viel mit diesem Haus zu tun. Mit diesem Peter-Stein-Erbe der Schaubühne. Da kommen die Leute, um zu sehen, wie wieder das heilige Feuer des Theaters entzündet wird. Ironie und Humor sind hier merkwürdig abwesend.

Interview: Patrick Wildermann.

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