Kultur : Schillers Alarmglocken

Es lebe die Hysterie: Luk Perceval inszeniert „Maria Stuart“ an der Berliner Schaubühne

Rüdiger Schaper

Frühkindliche Prägung des Kritikers: eine „Maria Stuart“ vom Tourneetheater, mit Maria Schell. Unvergessliche Lektion: Theater handelt vom Tod. Und Schiller = Schreien. Ein paar Jahrzehnte und Theaterkrisen später hat sich so viel nicht verändert. Schiller an der Schaubühne (ein sehr seltener Gast), und die Königinnen schreien, was das Zeug hält. Schiller’sche Alarmglocken. Die Sirenen schrillen durch das Haus, obgleich die Inszenierung von Luk Perceval eher in Minusgraden zu messen wäre und nicht viel Feuer hat. Nur wenn die Königinnen rauchen.

Und das tun sie hier beide, Maria und Elisabeth, ausgiebig. Die Luft im Thronsaal, im Kerker ist ungesund. Sie quarzen, wenn sie Stress haben. „Das Weib ist nicht schwach“, faucht Elisabeth. Jule Böwe im weißen Partykleid: Sie regiert unter Schmerzen. All die Lords in ihrer Entourage wirken grenzwertig debil und peinlich berührt. Machttechniker, die Schillers Brief- und Intrigendramaturgie überfordert. „Bin ich hier der einzige Profi unter Dilettanten“, mault Ezard Haußmanns Burleigh (der Satz ist wohl nicht von Schiller) einmal im Abgehen. Burleigh erinnert irgendwie an Müntefering, während sein Gegenspieler Talbot bei Erhard Marggraf gewisse Ähnlichkeiten mit Donald Rumsfeld aufweist.

Das sind Äußerlichkeiten, sie bedeuten nichts. Versteifte Männer in dunkelblauen Marinezweireihern (Kostüme: Ursula Renzenbrink) flankieren Frauen, die kaum etwas auf der königlichen Haut tragen. Yvon Jansens Maria probiert in ihrer ersten Szene alle möglichen Posen und Töne durch; eine Art Galgenhumor. Man wird das Gefühl nicht los, dass Regisseur Perceval dieses Figurenarsenal partout auf dem falschen Fuß erwischt, vielleicht morgens, noch vor dem Frühstück. Es herrscht eine schrecklich gereizte Stimmung, was man aber nicht mit Spannung verwechseln darf. Perceval mag sich nicht entscheiden, ob er den politischen und privaten Konflikt der Herrscherinnen hochkitzeln oder herunterspielen soll. So sieht es jedenfalls aus: als ob einer wahllos-gelangweilt am Lautstärke- und Emotionsregler fummelte.

Mortimer zum Beispiel, der katholische Fanatiker, flüstert. Denn er ist ein Verschwörer. Ein papistischer Selbstmordattentäter, der Maria Stuart liebt und befreien will. David Ruland hat den bohrenden Tom-Cruise-Blick. Und das sind die wirklich starken Augenblicke in diesen dreieinhalb Stunden. Die Stille, in der man jedes Wort versteht. In der jede Wendung sitzt und trifft und man spürt, dass Schiller ein verflucht sauberer, messerscharfer Kriminalpsychologe war. Spät erreicht auch Jule Böwe solche Intensität. Wenn sie vor dem Todesurteil für Maria Stuart sitzt, mit der Feder in der Hand.

Mit minutenlangem Kreischen der Elisabeth setzt der zweite Teil ein. Doch dann kommen Worte. Letzte, vernichtende Worte. Immer ähnlicher werden sich die Königinnen, die denselben Mann lieben, den etwas tumben Macho Leicester (Bernd Grawert). Marias Abschied von dieser Welt der Dolche und der Posen geht ans Herz. Es bricht aus ihr heraus, ein Wortstrom, der alles Scheinbare, Verlogene, Antrainierte mit sich reißt. Dann ist der Stress vorbei. Und es ist: Drama.

Aber die Männer! Sie können hier nur albern sein oder brutal, und ungeschickt sowieso. Noch der gute alte Melvil, Marias Haushofmeister: Werner Rehm im Schottenrock. Oder der französische Gesandte: steht nackt da, wischt sich den Hintern mit der Krawatte und verpisst sich nach Fronkreisch, ehe die wütenden Briten ihn in die Themse werfen. Percevals Humor ist ziemlich trocken.

Die Bühne wird beherrscht nicht von Personen oder Parteien, sondern von einem riesigen Schwebebalken. Annette Kurz hat das symbolhafte Ding (Damoklesschwert?) entworfen. Mal nehmen sie’s als Tisch, mal als Wippe. Das ist die fatale Begegnung der Königinnen: Links Maria, rechts Elisabeth, in gehöriger Distanz, beide auf dem schwankenden Gerät balancierend, das für diese Übung von Stahlseilen in die Höhe gezogen wird. Sie kreischen, sie toben, Königinnen der Terzen. Verschenkt: Wozu zeigt Perceval hysterische Weiber? Das ist altes, ganz altes Theater. Kreischen bis zur Heiserkeit. Frauen an der Macht: Wenn das Percevals Thema ist, dann kommt er doch wieder nur in die Nähe der Zickenlösung.

Einmal ist Elisabeth vielleicht glücklich. Sie spielt mit Graf Leicester (der nachher bekanntlich auch nach Frankreich ’rübermacht) Federball. Ganz reizend. Sport scheint überhaupt die einzige Entspannung am Hofe zu sein, Sex jedenfalls nicht. Mit stoischer Gelassenheit marschieren Bogenschützen auf, von einem richtigen Sportverein. Legen an mit ihren High-Tech-Bögen – es ist eine große Schau, wie die Pfeile quer zur Rampe durch die Luft sirren und sich mit unwiderstehlicher Eleganz in die gewaltigen Zielscheiben bohren. Schauspieler sind bei den Schießdarbietungen nicht in Gefahr. Oder nur insoweit, als kein Akteur an die Präzision der Schützen heranreicht.

Man hat in England übrigens herausgefunden, dass Bogenschützen in der Zeit vor der der Feuerwaffen übermenschliche Kräfte besaßen. Ein durchschnittlich gebauter Mann von heute wäre nicht in der Lage, einen solchen alten Bogen zu spannen. Das hat viel mit Schiller und der Schaubühne zu tun. Und mit diesen Frauen und Männern.

Wieder am 14. und vom 16. bis 18. 2.

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