Schimanski & Co. : Götz George: Ein Kraftkerl wird 75

Keine Angst vor harten Rollen: Er spielte den Serienmörder Fritz Haarmann, den KZ-Kommandanten Rudolf Höß - und, natürlich, "Tatort"-Kommissar Schimanski. Götz George macht keine halben Sachen. Ein Geburtstagsgruß - zum 23. Juli.

von
Schimanski. Götz George in seiner Paraderolle als "Tatort"-Komissar.
Schimanski. Götz George in seiner Paraderolle als "Tatort"-Komissar.Foto: dpa

Die Uniform steht ihm erschreckend gut. Straff sitzt der schwarze Stoff am athletischen Körper, die Schirmmütze ist tief und etwas schief in die Stirn gezogen. Auf ihr prangt der Totenkopf. „Aus einem deutschen Leben“ heißt der Film aus dem Jahr 1977, in dem Götz George den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß spielt. Seine Darstellung ist minimalistisch, die Mimik wirkt versteinert. Er zeigt keine Gefühlsregung, weil dieser Täter so etwas nicht besitzt: Gefühle, Mitleid. Wenn er von „84 000 Einheiten“ spricht, die pro Monat zu „bewältigen“ seien, bedeutet das: 84 000 Menschen werden vergast. Abends kehrt der Obersturmbannführer heim zu seiner Frau und den vier Kindern. Nach dem Krieg, in amerikanischer Gefangenschaft versichert er: „Ich habe keine Entschuldigung nötig, ich habe nur gehorcht.“ Höß, das zeigt George, war ein hocheffizienter Mörder. Aber kein Monster.

Götz George hat auch den KZ-Arzt Mengele gespielt und, fulminant, den Serienmörder Fritz Haarmann in Romuald Karmakars Gerichtsdrama „Der Totmacher“. Doch so beklemmend wie in „Aus einem deutschen Leben“ wirkt das Böse dort nicht, was auch daran liegen könnte, dass Regisseur Theodor Kotulla den Film am Ort des Völkermordes inszenierte, in Auschwitz. Die Dreharbeiten waren eine extreme Erfahrung für den Schauspieler, und der Höß-Film markierte eine Wende in seiner Karriere. George hatte in Komödien wie „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ oder „Liebe will gelernt sein“ vor der Kamera gestanden und in den Karl-May-Filmen „Der Schatz im Silbersee“ und „Unter Geiern“ seine Sportlichkeit demonstriert. Er hatte es zum veritablen Actionhelden gebracht, aber seit einigen Jahren war sein Star-Ruhm bereits ein wenig verblasst. Er wartete auf neue Herausforderungen. Seine Leistung in „Aus einem deutschen Leben“ war ein Grund dafür, dass ihm der WDR die Rolle anbot, die ihn zu einem der populärsten deutschen Darsteller machen sollte: Schimanski.

Der Duisburger „Tatort“-Kommissar hasst den Dienstweg, er folgt lieber seinem Gefühl als den Vorschriften. Keiner kann kraftvoller „Scheiße“ rufen. Als Schimanski 1981 zum ersten Mal auf dem Bildschirm erscheint, kämpft er sich nach einer durchzechten Nacht mühsam auf die Beine, sucht in Unterwäsche in seiner vermüllten Wohnung nach etwas Essbarem, kratzt sich am Hintern und findet zwei Eier, die er, weil die Bratpfanne hoffnungslos verdreckt ist, in ein leeres Glas schlägt und austrinkt. Götz George hatte die Szene improvisiert. Nachdem er in sechs Durchläufen zwölf rohe Eier getrunken hatte, musste er sich übergeben. Die achtziger Jahre, befand er in einem Interview, seien „sicherlich die schönsten, anstrengendsten und erfülltesten Jahre in meinem Leben“ gewesen. Die Reihe endete 1991, aber 1997 kehrte Horst Schimanski zurück ins ARD-Programm, nun nicht mehr im Staatsdienst, sondern als Privatermittler. Seine berühmte Jacke, einen hellgrauen Militärparka mit übergroßen Taschen, trägt er immer noch. Vor kurzem ist eine neue Folge abgedreht worden.

Götz George, der vor 75 Jahren, am 23. Juli 1938 in Berlin geboren wurde, hat oft Rebellen gespielt. Aber ein Rebell im wirklichen Leben ist er nicht gewesen. Als er hätte rebellieren können, war sein Vater nicht mehr da. Heinrich George, ein Bühnen- und Filmstar, der an den Propagandafilmen „Jud Süß“ und „Kolberg“ mitgewirkt hatte, war 1946 im sowjetischen Internierungslager Sachsenhausen gestorben. Götz George hat ihn gerade im Dokudrama „George“ verkörpert, bemüht, den Patriarchen endlich vom Vorwurf des NS-Karrieristen zu befreien. Ein „Bollermann“ sei dieser Vater gewesen, erzählt er im Begleitbuch zum Film (Joachim A. Lang: Heinrich George. Eine Spurensuche, Henschel Verlag, 224 S., 24,95 €). „Er hat sich Luft machen wollen. Heutzutage schwellen die Köppe an, weil sie sich nicht entleeren, weil so viel Druck an Problemen drin ist.“ Ohne den frühen Tod des Vaters wäre der Sohn wohl nicht Schauspieler geworden. „Ein Genie in der Familie ist genug“, hatte Heinrich gesagt. Götz George, vielleicht kein Genie, aber ein großer MenschenVerkörperer, feiert seinen Geburtstag weitab von Deutschland, in seinem Haus auf Sardinien.

Das Dokudrama „George“ läuft am heutigen Montag um 20.15 Uhr auf Arte. Das Babylon Mitte zeigt bis zum 4. August eine Retrospektive mit Filmen von Heinrich George. Sie wird Dienstag anlässlich des Geburtstags von Götz George mit „Der Totmacher“ und „George“ eröffnet.

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben