Kultur : Schimmel und Fußpilz

Die Filmakademie zelebriert den Zoff

Christina Tilmann

Jürgen Vogel hat’s gerettet. Gab seinem Kollegen Til Schweiger den richtigen Rat. „Stell dich am Sonntag einfach hin und sage: Ich trete wieder ein. Es war alles nur Promotion.“ Die Vorgeschichte: Schweiger war im Januar aus der Deutschen Filmakademie ausgetreten, weil sein Film „Keinohrhasen“ nicht bei die Vorauswahl des Deutschen Filmpreises berücksichtigt worden war. Nun steht er also in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, bei einer Diskussionsveranstaltung der Deutschen Filmakademie, und erklärt: „Ich trete wieder ein.“ Und Vorhang zu – über ein bezeichnendes Drama der noch jungen Akademie.

„Hätte ich das Kino! Wo bleibt die Leidenschaft im deutschen Film?“ ist Thema der Veranstaltung, bei der die Akademiemitglieder (unter ihnen Til Schweiger) über ihr Verhältnis zum heutigen deutschen Film sprechen wollen. Leidenschaft gibt es genug, in der höchst kontroversen, nicht nur durch die SchweigerDebatte erhitzten Atmosphäre. Da poltert Bernd Eichinger gewohnt grobschlächtig über die „Unverschämtheit“, dass die populärsten Filme des deutschen Kinojahrgangs – wie die von Til Schweiger, Bully Herbig und Leander Haußmann – von den Akademiemitgliedern schon in der Vorrunde rausgeschossen worden seien. „Das ist ein Skandal. Damit macht die Filmakademie sich zum Trottel. Sie muss aufpassen, dass es in ihr nicht nach Schimmel und Fußpilz riecht.“

Andere, diplomatischer, wie Doris Dörrie, rollen Schweiger den roten Teppich zur Rückkehr aus. Sie plädiert dafür, janusköpfig zu bleiben, gute Filme zu machen und damit auch das Publikum zu erreichen – und sich vor allem nicht auseinanderdividieren zu lassen: „Wir müssen wie ein hundertköpfiger Drache sein, mit Kunstköpfen und Kommerzköpfen.“ Til Schweiger selbst träumt in einem sympathisch offenen Statement davon, nicht mehr von Arthouse und Mainstream zu sprechen, von Constantin gegen Berliner Schule, sondern am besten die Unterscheidung überhaupt fallen zu lassen: „Dann kann der deutsche Film explodieren: als Mainhouse und Artstream.“

Ob die Filmakademie die Spaltung zwischen der Eichinger-Fraktion und Cineasten wie Hans Helmut Prinzler auf Dauer aushält? Prinzler fordert, drei Filme aus dem Jahr 1920 – das „Cabinet des Dr. Caligari“, den „Golem“ und Lubitschs „Anna Boleyn“ – müsse jeder Filmmensch gesehen haben, und schon bekennen Til Schweiger und Jasmin Tabatabai, diese Kategorien nicht zu erfüllen.

Carlo Mierendorffs Manifest von 1920, das Moderator Hans-Christoph Blumenberg zum Motto gewählt hatte, weil es für ein wildes, unangepasstes und doch auf Massengeschmack ausgerichtetes Kino plädiert (vgl. Tsp. vom 3.2.), klagte angesichts des Kinos seiner Zeit: „Film ist ein Lebensmittel, kein Tennisball für kapitalistische Interessen.“ An dem Dilemma hat sich bis heute nicht viel geändert. Christina Tilmann

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