Kultur : Schimmernde Nacht

Funk, Pop, Country: Das Berliner Jazzquartett Yakou Tribe träumt von der Weite. Ein Studiobesuch

Kai Müller

Als sich die Tür schließt, wird die Luft durch den Spalt hinausgesaugt. Danach ist die Außenwelt verschwunden. Man hört nichts mehr, sieht nichts mehr. Bewegen kann man sich auch nicht. Es ist kein Platz in dem niedrigen, schallisolierten Kabuff, das in Brüssel als Dolmetscherkabine durchgehen würde. Ein Schlagzeuger, ein Saxophonist, ein Gitarrist und ein Bassist haben sich hineingezwängt und geben sich Mühe, nicht ständig mit den Instrumenten aneinanderzustoßen. Zwei Glühbirnen erleuchten weiße Spanplattenwände, die in Schulterhöhe des Schlagzeugers grau anlaufen und der Szene eine absurde Note geben. Absurd deshalb, weil Enge so ziemlich das genaue Gegenteil dessen ist, was die vier Musiker wollen. Sie suchen etwas, das es in einer Großstadt selten gibt: Weite.

Yakou Tribe heißt das Jazzquartett, das von Gitarrist Kai Brückner und Saxophonist Jan von Klewitz, zwei gebürtigen Berlinern, gegründet wurde und durch Rainer Winsch (Schlagzeug) sowie Johannes Gunkel (Bass) seine Besetzung fand. Yakou ist japanisch und kann allerhand bedeuten: „Reise durch schimmernde Nacht“, aber auch „Metallarbeiter“ oder „In Würfel geschnittenes Tofu“. Mit der Musik hat das alles nichts zu tun. Als vor vier Jahren mit „Road Works“ das Debütalbum der Band erschien, waren darauf Titel wie „Prairie“ oder „Riverwide“ zu hören, sehr melodiöse, horizontale Meditationen über die amerikanischen Ebenen und die Musik, die sich in sie hineinlegt. Auch auf dem nun erscheinenden Nachfolgewerk, „Red & Blue Days“ (Traumton), posieren die Musiker in einer weiten, leeren Weidelandschaft – mit dem Unterschied, dass sich die in Norddeutschland befindet, irgendwo hinterm Deich.

Es ist nicht ganz einfach, an Horizonte zu denken, wenn man nur sechs Quadratmeter Platz hat. Er habe vergangene Nacht von Miles Davis geträumt, erzählt Jan von Klewitz. „Das ist mir noch nie passiert. Ich habe in seiner Band gespielt. Wir probten, aber Miles Davis ist die ganze Zeit nicht erschienen.“ Er sitzt auf einem Klappstuhl vornübergebeugt und fixiert die Noten, die er zum Teil selbst geschrieben hat. Die anderen machen es genauso. Jazzmusiker sind Schriftmenschen. Obwohl sie ihre Songs in- und auswendig kennen, sieht man sie meist auf Notenblätter starren, als seien alle nur zufällig im selben Raum. Nur Schlagzeuger Rainer Winsch hat alles im Kopf. Lässig perlen seine Stöcke über das Becken, dessen Zischlaute nur Zentimeter entfernt vom Kopf des Saxophonisten ausschwingen. Die Musiker spielen die Stücke kurz an. Wenn sie ins Unberechenbare ausschwärmen müssten, brechen sie ab.

Kai Brückner, Jahrgang 1969 und Sohn des Synchronsprechers Christian Brückner kauert auf seinem Verstärker. Es ist seine Gitarre, die der Gruppe ihren Klang gibt. In seinem Spiel hallen Einflüsse von Pat Metheny und John Scofield nach, den Säulenheiligen des Jazzrock. Gelernt hat er immerhin bei John Abercrombie, den er als Knirps in New York aufsuchte, weil er dachte, dass man das so macht. „Ich erinnere mich“, erzählt Abercrombie später, „dass er sehr jung war und kaum spielen konnte.“ Heute, da er seinen Idolen entwachsen ist, leistet er sich mal das Fingerpicking eines Country-Musikers, dann wieder die federnde Impulsivität des Funk. Meist aber legt er Klangflächen aus, über die die anderen streifen wie über trockenes Gras. Das Quartett verkörpert eine Jazzmusiker-Generation, die von Led Zeppelin und den Rolling Stones mehr gelernt hat als von Strayhorn und Ellington. Es verwundert nicht, dass manche ihrer Kompositionen so einfach wie Popsongs sind. Oder gleich von Sheryl Crow, Randy Newman oder Nine Inch Nails stammen. Das Hektische, Verschachtelte und Aggressive des Bebop, findet hier sein Gegenbild.

Plötzlich wird die Tür aufgerissen und ein Augenpaar schaut verblüfft in vier andere, die eben noch nach innen gewendet waren. „Eigentlich bin ich jetzt dran“, sagt der eine. – „Das ist dumm.“ – „Seid ihr jetzt jeden Montag hier?“ - „Wo denkst du hin, viel zu anstrengend.“

Yakou Tribe spielt heute um 22 Uhr im Quasimodo. Die CD „Red & Blue Days“ ist bei Traumton erschienen.

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