Kultur : Schinkel im Dreieck

Bernhard Schulz

Die Gerüste sind gefallen, das Geheimnis wird gelüftet: Richtfest beim "Schauhaus", dem Wechselausstellunsgebäude des Deutschen Historischen Museums (DHM) in der Berliner Mitte, gestern mittag bei Nieselregen. Ieoh Ming Pei, der New Yorker Architekt chinesischer Herkunft, ließ es sich nicht nehmen, zehn Tage vor seinem 85. Geburtstag persönlich im Nieselregen zu erscheinen.

Den Auftrag hatte Kanzler Kohl erteilt, der seinerzeit - 1995 - zunächst den damaligen DHM-Direktor Christoph Stölzl als Emissär nach New York sandte, wie Pei gestern berichtete, um ihn nach Berlin einzuladen. Erst an der Spree konkretisierte sich das Vorhaben, zu dessen Richtfest Helmut Kohl - der noch im August 1998 eilig den ersten Spatenstich getan hatte - gestern keineswegs erschien, vielmehr in naher Zukunft mit Pei und Stölzl gesondert zusammentreffen will.

Ja, es ist ein anderes Personal, das jetzt die rohbauliche Fertigstellung des 54 Millionen Euro teuren Bauwerks feiert. Hans Ottomeyer, Nachfolger Stölzls auf dem DHM-Chefposten, geht merkwürdig steif und unbeteiligt herum, als ob er den Pei-Bau für ein Kuckucksei im Nest der reinen Museumsarbeit hält. Bundesbauminister Kurt Bodewig hingegen weiß sich elegant behütet in Szene zu setzen, auch wenn ihm - wie stets zu Fragen der Architektur - nichts Substanzielles einfallen will. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hält sich klug zurück, er ist ja auch protokollarisch erst nach Fertigstellung an der Reihe. Berlins Bausenator Peter Strieder macht wieder einmal auf leutselig, plaudert überall in vorderster Reihe mit - was ihm umso leichter fällt, als Berlin mit der Planung des Bauwerks und dessen Finanzierung nichts zu tun hat.

So ist es denn I.M. Pei, der ganz von selbst in den Mittelpunkt rückt und mit Charme und Freundlichkeit ausgleicht, was die Herren Amtsinhaber steifleinern aufführen. Pei schlägt in seiner improvisierten Ansprache den Bogen zurück zu Kennedy und bezieht seine eigene Neugier auf Berlin auf des US-Präsidenten historischen Besuch in der ummauerten Stadt. Wie beim Entwurf für die Kennedy Library verwendet Pei beim "Schauhaus" ein gebäudehohes, gläsernes Foyer. Manche Motive aus Peis weit gespannten µuvre tauchen in Berlin wieder auf. Das war bereits an Hand der Entwurfszeichnungen und Computersimulationen zu erkennen; jetzt, den natursteinverkleideten Baukörper vor Augen, tritt es zutage.

Pei entwirft gerne auf dreieckigem Grundriss. Auch das "Schauhaus" ist eine Etüde über den einfallsreichen Gebrauch des Dreiecks. Keines der vier Geschosse gleicht dem anderen. Der Ausstellungsbesucher betritt das Haus von der Straße her, Schinkels Neue Wache und das Kastanienwäldchen im Rücken; wer aber zuvor im Zeughaus die ab 2004 zugängliche Dauerausstellung besichtigt hat, kommt durch einen Tunnel unter der Mollergasse ins Untergeschoss. Mollergasse? So heißt die kleine Straße auf der Nordseite des Zeughauses, zu DDR-Zeiten verschlossen, seither bis zum Baubeginn - das Zeughaus wird komplett saniert und erhält wie zu Kaisers Zeiten ein Glasdach über dem quadratischen Innenhof - als düsterer Durchgang nutzbar. Peis Entwurf, der das Schauhaus zur Eingangsseite hin zurückweichen lässt, öffnet diesen schmalen Straßenraum und gibt erstmals den Blick frei auf die Nordfassade des Zeughaues mit Schlüters Masken der sterbenden Krieger. So einfach und wirkungsvoll zugleich kann Stadtreparatur sein.

Immer in Bewegung

Die Ausstellungsräume befinden sich in den beiden oberen Stockwerken. Die Folge ist, dass der Besucher einiges an Treppen zu bewältigen hat. Wie schafft man es, die Besucher dazu zu animieren, ist Peis Frage. In seinen Museumsbauten, zumal dem Ostflügel der National Gallery in Washington beantwortet er sie mit gewaltigem Foyer und einer einladenden Treppenanlage, die den Besucher wie von selbst hinaufträgt in die verzweigenden Galerieräume. In Berlin hat Pei als Blickfang eine stählerne Wendeltreppe zwischen den beiden Ausstellungsgeschossen vor die Glasfassade des Gebäudes gehängt - wer sie betreten will, gelangt ganz selbstverständlich in die Ausstellungsräume, die auf jeder dieser beiden Etagen rund 550 Quadratmeter messen. Im Untergeschoss, geschützt vom ansonsten reichlich einfallenden Tageslicht, sind weitere 1054 Qudaratmeter für empfindlichere Objekte vorhanden, während das Erdgeschoss als Verteilerfläche dient.

Dreieck und Treppe - das sind die beiden Themen. Das eigentliche Gebäude ist dreieckig mit abgerundeter Ecke, die Glasfassade folgt diesem Schwung wie ein vorgehängter curtain wall. Den Grundflächen hat Pei mal dreieckige Ausbuchtungen hinzugefügt, mal in sie dreieckige Aussparungen eingeschnitten; allemal befenstert, ergeben sich aus den Obergeschossen jeweils andere Ausblicke auf die Umgebung, von der Museumsinsel mit Altem Museum bis zur Neuer Wache auf der anderen Seite. Schinkel erwähnt Pei immer wieder. "Er war der erste Architekt, auf den ich während meines Studiums aufmerksam wurde", erzählt er, der von 1935 an in Harvard bei Bauhaus-Gründer Walter Gropius studiert hat. An Schinkel hebt Pei dessen "Vielseitigkeit" hervor, und zweifellos meint er dabei auch sich selbst. "Der Grund, warum ich den Auftrag angenommen habe, liegt darin, dass das Grundstück zwischen zwei Schinkel-Bauten liegt. Ich wollte eine Verbindung herstellen." Das Schauhaus bezeichnet er als "meine persönliche Hommage an Schinkel".

Hommage, nicht Anbiederung: I.M. Peis Gebäude ist ein ganz eigenständiges Werk, der Moderne verpflichtet, aber dem Klassizismus nicht abhold. Es ist von einer in Berlin seltenen urbanen Eleganz, es macht mit seinem gerundeten Schwung und der spiralförmigen Außentreppe eine große Geste, ohne dass es sich ungebührlich nach vorne drängt. Es macht darauf aufmerksam, dass da hinten etwas ist, in der Ecke hinterm Zeughaus - und man darf sicher sein, dass es, einmal fertiggestellt, die hochgespannte Erwartung im Inneren nicht enttäuscht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben