Kultur : Schinkel oder Persius?

ARCHITEKTUR

Michael Zajonz

Vielleicht hätte Philip Johnson die Architekturgeschichte auch so umschreiben können. Der künftige Apologet des „International Style“ war 1931 nicht nur nach Berlin gekommen, um den Architekten Ludwig Mies van der Rohe kennen zu lernen, sondern um Kunstgeschichte zu studieren. Sein Freund und Kollege Henry-Russell Hitchcock hatte ihm sogar geraten, hier über Ludwig Persius zu promovieren. Als der junge Johnson Mies aber einlud, die Bauten des fast vier Generationen älteren Potsdamer Kollegen zu besichtigen, soll dieser geantwortet haben: „Persius? Wer war denn noch mal Persius?“

Barry Bergdoll, Ko-Kurator der großen Mies-Ausstellung vor zwei Jahren im New Yorker Museum of Modern Art und in Berlins Altem Museum, erzählte die bezeichnende Anekdote erst nach seinem Vortrag „Die Rezeptionsgeschichte von Persius bei den modernen Architekten und Kunsthistorikern“. Die Persius-Ausstellung im Schloss Babelsberg verzichtet auf die überregionale Einordnung des Architekten, erst recht auf eine Darstellung seines Nachwirkens. Dies suchte nun eine Tagung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und der Potsdamer Urania zu leisten. Bergdoll blieb es vorbehalten, den Perspektivwechsel auf Persius zu präzisieren. Noch Herrmann Muthesius hatte 1902 Schinkel als „den letzten großen Architekten“ bezeichnet. Erst ab den späten zwanziger Jahren sahen Architekturhistoriker wie Hitchcock oder der Kritiker Walter Curt Behrendt auch in Persius wahlweise den Vorläufer von Mies oder einen Pionier des organischen, landschaftsbezogenen Bauens.

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