Schinkel und der Kronprinz : Zu Tode geschuftet

Schinkels Arbeiten für den preußischen Hof – Die große Zahl von Aufträgen des schwärmerischen Kronprinzen setzte dem Architekten zu.

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Und immer wieder zeichnen für den König. Entwurf für ein Lusthaus bei Potsdam, 1826 (Ausschnitt).
Und immer wieder zeichnen für den König. Entwurf für ein Lusthaus bei Potsdam, 1826 (Ausschnitt).Foto: (c) Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Schinkels Laufbahn vollzog sich im Preußen der Restaurationszeit. Das Königreich ging machtpolitisch gestärkt aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon hervor, beträchtlich an Umfang gewachsen, aber in seinen Kernlanden wirtschaftlich geschwächt. Die Monarchie war unangefochten, auch wenn sie, gewollt oder nicht, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine durchaus bürgerliche Note erhielt. Nur so konnte das eigentümlich enge Verhältnis entstehen, das den alsbald fest in der Baubehörde verankerten Schinkel bereits mit dem noch jugendlichen Kronprinzen, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. verband. Der in Architektur zwar dilettierende, aber doch höchst bewanderte Kronprinz wollte bauen, erträumte Schlösser und Dome, wollte schließlich aus Potsdam ein preußisches Arkadien machen und verlor dabei die materiellen Möglichkeiten seines Landes völlig aus den Augen. Schinkel hingegen benötigte die Möglichkeit zum Entwerfen jenseits der Zwänge seines Alltags, auch wenn ihn dies mehr Kraft kostete, als er erübrigen konnte.

„Das Verhältniß, in welchem Schinkel zu Sr. Majestät stand, war von einer Art, wie es wohl sonst nicht leicht zwischen einem Fürsten und einem Künstler vorgekommen ist“, schrieb Schinkels Biograf Gustav Friedrich Waagen 1844, nur drei Jahre nach dessen Tod: „Es lag diesem Verhältniß noch etwas Anderes, nämlich das tiefe und innige Gefühl von der gegenseitigen Verwandtschaft des künstlerischen Naturells von beiden zum Grunde, dem sich von Seiten des Königs etwas von der Pietät für den älteren bewährten Meister beimischen mochte.“ Es ist die zeittypische Verklärung einer Verbindung, die ebenso produktiv war, wie man sie zugleich kontraproduktiv nennen könnte. Schinkels Schüler und Nachfolger bei Hofe, Friedrich August Stüler, spricht von dieser gemeinsamen Tätigkeit als einem „Kunstleben“, das „ideales Gebiet betrat“.

Das trifft es am besten. Nur, während Schinkel buchstäblich an die Erziehung des Menschengeschlechts dachte, war der zutiefst reaktionäre Kronprinz in überholten Vorstellungen vom Gottesgnadentum befangen. Das weite Feld der Bauaufgaben, das Schinkel bearbeitete, vom Packhof bis zur Bibliothek, blieb dem auf sakrale und herrscherliche Bauten beschränkten Prinzen fremd. Die Liste der Vorhaben und Ideen, zu denen der Kronprinz den viel beschäftigten Architekten heranzog, reicht von 1815 bis zu Schinkels Tod 1841. 1815 beginnt mit der Ernennung zum Geheimen Oberbaurat jene behördliche Tretmühle, der Schinkel nicht mehr zu entrinnen vermochte. In buchstäblich jedem Jahr findet sich ein weiteres Projekt, zu dem der Kronprinz Schinkel sei’s hinzuzieht, sei’s sich selbst einmischt; wobei das wichtigste ausgeführte Vorhaben, der Potsdamer Gartenkomplex von Charlottenhof und den Römischen Bädern, sich ab 1826 über viele Jahre erstreckt. Es ist schließlich dasjenige Projekt, bei dem der wechselseitige Austausch zu tatsächlich sogleich gebauten Ergebnissen führte. Anderes, wie die Potsdamer Nikolaikirche – gleichfalls ab 1826 – blieb zu Lebzeiten Schinkels ein Torso. Ihre Kuppel, die der Kronprinz stets gewünscht hatte, wurde erst 1850 aufgesetzt. Aber sie war seit jeher in Friedrich Wilhelms Gedanken präsent.

Nur Tage, bevor sein Vater, König Friedrich Wilhelm III., 1813 zum Krieg gegen die napoleonische Fremdherrschaft aufrief und die „Befreiungskriege“, in Preußen einleitete, zeichnete der 17-jährige Kronprinz einen idealen Dom mit hoher Kuppel auf ein Blatt Briefpapier. Das patriotische und das architektonisch-künstlerische Element gehen im Denken und Handeln des späteren „Romantikers auf dem Königsthrone“ eine unlösliche Verbindung ein. Schinkel, der im Dienst Baubeamter an schließlich oberster Position tagtäglich als Praktiker gefordert war, brauchte den zeitvergessenen Austausch mit dem schwärmerischen Fürsten wohl ebenso, um seiner viel gerühmten Fantasie freien Lauf zu lassen. Darin traf er sich mit Friedrich Wilhelm, der sich beispielsweise ein Schloss „Belriguardo“ ersann, eine gewaltige neoklassische Anlage in Potsdam, auf einem Landrücken in die Havel hineinragend und in Sichtachse zu Schloss Sanssouci. 1823 musste sich Schinkel ordnend mit den zahllosen Entwurfszeichnungen des Kronprinzen befassen.

Mit dessen Vater König Friedrich Wilhelm III. kam Schinkel insoweit leichter aus; der König hatte ja auch vornehmlich zu regieren. Unter seine Ägide fallen Meisterwerke wie das Schauspielhaus – der König liebte abendliche Zerstreuung – und das vom bürgerlichen Berlin ertrotzte (Alte) Museum, das 1830 zum Sammelpunkt von Bildung und Wissenschaft wurde. Ansonsten lag dem König der Kirchenbau am Herzen, aber in machbaren Dimensionen: So entstanden Schinkels Typenentwürfe für die Berliner „Vorstadtkirchen“ (von denen St.Elisabeth an der Invalidenstraße bis heute von Kriegsschäden gezeichnet ist).

Solche Nüchternheit war nicht die Sache des Kronprinzen. In den 1830er Jahren wurden Friedrich Wilhelms Ansinnen immer starrer und herrscherlicher. Vor allem der idealtypisch gedachte Entwurf der „Residenz eines Fürsten“ stellt, zumal für die Realität des Jahres 1835, eine befremdliche Kopfgeburt dar. Schinkel musste sie auf Geheiß in sein geplantes, doch nie vollendetes „Architektonisches Lehrbuch“ aufnehmen – als ob daran für seine Zeit und seine Schüler etwas Vorbildhaftes zu erlernen gewesen wäre. Zur selben Zeit – 1835 – war die Bauakademie, der berühmte „rote Kasten“ im Bau, mit dem Preußen und Berlin in die architektonische Moderne eintraten!

All diese Aktivitäten zehrten an Schinkels Kräften. Zwar hatte der Kronprinz bei seinem Vater 1829 Schinkels Ernennung zum Hofarchitekten bewirkt – doch, von Titel und Gehaltszulage abgesehen, änderte sich nichts an Schinkels permanenter Überlastung, die Freunden und Förderern wie Wilhelm von Humboldt mehr und mehr Sorge bereitete. Mit gutem Grund musste sich Schinkel in späten Jahren wiederholt zur Kur begeben, um seiner Arbeitslast gewachsen zu sein. Es hat bekanntlich nicht gereicht – 1841 starb er, erst 60-jährig, infolge der ein Jahr zuvor erlittenen schweren Schlaganfälle. Er hat sich buchstäblich zu Tode geschuftet.

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