Schinkelwettbewerb : Auf dem Marxfeld

Junge Architekten gestalten Berlins neue alte Mitte: Beim Schinkelwettbewerb gewinnt ein Bürgerhaus.

von

Frischer Wind in der Debatte um Berlins neue Mitte. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte im Dezember fünf Entwürfe der Planer Chipperfield, Graft und Kiefer zur Diskussion gestellt und versucht, sich gegen ihren Vorgänger Hans Stimmann zu positionieren, der am Rathausforum das Aufgreifen mittelalterlicher Strukturen fordert. Viel bewirkt hat die Initiative nicht: Ein Vorschlag lautete, den Platz vor dem Roten Rathaus zu fluten – was die Aktion eher diskreditierte.

Eine Art Binnenalster am Rathaus ist nun auch beim Schinkelwettbewerb im Angebot, dem alljährlichen Ideen- und Förderwettbewerb, für dessen 155. Ausgabe der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) das Areal gegenüber dem künftigen Stadtschloss zur Planung in sechs Sparten ausschrieb. Eine wunderbare Aufgabe für Studenten und junge Architekten (bis 35 Jahre), denn über den Stadtraum zwischen Schloss, Fernsehturm und Rotem Rathaus wird heftig gestritten. Der AIV tat gut daran, Gedankenfreiheit zu geben und nicht etwa das Planwerk Innenstadt zugrunde zu legen.

Hans Stimmann, Miterfinder des Planwerks, saß dennoch in der Jury, schließlich ging es ja um Berlins historische Mitte, über die Stimmann jüngst ein Buch veröffentlicht hatte. Aber bereits die Ausschreibung war in seinen Augen zu offen geraten, noch weniger behagte ihm der Verlauf des Preisgerichts. Jurys sind demokratische Gremien, üblicherweise tragen am Ende alle das gemeinsam erarbeitete Ergebnis mit. Der ehemalige Senatsbaudirektor, der es gewohnt war, sich in Jurys durchzusetzen, verlor die Contenance und verließ grollend das Preisgericht, gefolgt von Architektin Petra Kahlfeldt, ebenfalls eine Verfechterin des historisierenden Bauens.

Schinkel-Wettbewerb 2010
327692_0_50db5aac.jpg Foto: AIVWeitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: AIV
14.03.2010 10:27So sehen Sieger aus: Den diesjährigen Schinkel-Wettbewerb gewann der 26-jährige Architekt Stefan Drese aus Hamburg. -


Die nun unter 189 Einreichungen mit dem Schinkelpreis ausgezeichnete Arbeit des Hamburgers Stefan Drese ist mit ihrer (keineswegs ortsuntypischen) scharounesken Formensprache der Gegenentwurf zu Stimmanns Doktrin des steinernen Berlin. Drese entwirft ein Bürgerhaus mit Bibliothek und Veranstaltungsräumen, das dem Schlossplatz die verlorene Fassung zurückgibt, das Spreeufer belebt und gemeinsam mit Schloss und Dom ein spannungsreiches Triumvirat bildet. Das übrige Marx-Engels-Forum ist als Landschaftsraum gestaltet, gegliedert durch Sicht- und Bewegungsachsen und mit gut proportionierten Freiräumen vor dem Rathaus und der Marienkirche.

Als Park oder Freiraum behandelten naturgemäß die Landschaftsarchitekten das Areal, ob als geometrisch abgezirkeltes „Champ de Marx“ – wie das Marsfeld zu Füßen des Eiffelturms – oder als Platz mit amöbenförmigen Inseln. „Spuren der Abwesenheit“ empfiehlt ein Team als polemische Konzeptkunst, eine kahle Fläche, besetzt mit hohen Leuchtenmasten, die die Wahrnehmung auf Details lenkt. Einen der elf Sonderpreise gibt es für den langgestreckten Park, der von schmalen Gebäuden entlang der Straßen gesäumt wird, eine „klare Gegenposition zur Rekonstruktion des Gebiets“, wie die Jury befand.

Nicht dass Rekonstruierendes im Wettbewerb fehlte. Unter den 189 Arbeiten sind sämtliche städtebaulichen Typologien vertreten, darunter sauber ausgearbeitete Vorschläge, wie sie aus der Kollhoff-Schule kommen. Doch die sehen aus wie eingefroren, ihnen fehlt es an Inspiration. Konventionelle Blockrandbebauungen konkretisieren sich meist in ebenso konventionellen Architekturen und vermögen nicht, für den besonderen Ort zu begeistern.

Vielerlei räumliche Abfolgen von Plätzen und Durchgängen werden erprobt und können auf ihre Schlüssigkeit, ihren Maßstab und Charakter hin diskutiert werden. Manche Verfasser halten sich an das historische Straßenraster, manche schlagen schiefwinklige Schneisen durch die Blocks, manche experimentieren mit runden Formen. Richtige Architektur am falschen Platz: Dieses Etikett passt zu einigen durchaus qualitätsvollen Arbeiten.

Auch neue städtebauliche Elemente sind dabei. Der kreisrunde umbaute Platz, der Paradeplatz vor dem Rathaus, der Hochhauscluster neben dem Fernsehturm als Pendant zu den geplanten Hochhäusern am Alexanderplatz. Und es gibt die Rotunde, eine Art Mausoleum, mit einem augenzwinkernd obendrauf gesetzten Marx-Engels-Denkmal.

Soll Berlins neue alte Mitte dicht bebaut werden oder braucht sie offenere Räume? Die Diskussion ist neu eröffnet.

Preisverleihung am heutigen Sonnabend, 18 Uhr, im Roten Rathaus beim Schinkelfest. Ausstellung der Entwürfe im Bikinihaus, Budapester Str. 42: bis 21. März, tägl. 13 - 18 Uhr 

0 Kommentare

Neuester Kommentar