Schlacht zwischen Römern und Germanen am Harz : Seid umschlungen, Legionen

Lange glaubte man, dass sich die Römer nach der verlorenen Varusschlacht im Jahr 9. n. Chr. aus Germanien zurückgezogen hätten. Doch dann wurde am Harzhorn ein Schlachtfeld aus dem dritten Jahrhundert entdeckt. Eine Braunschweiger Ausstellung dokumentiert die archäologische Sensation.

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Am schönsten sind solche Sensationen, die zunächst nicht weiter auffallen. Im Jahr 2000 durchstreiften zwei Hobbyforscher – ohne Genehmigung – mit Metalldetektoren das Harzhorn, einen dicht bewaldeten Höhenzug am westlichen Harzrand. Sie suchten die Reste einer sagenhaften Burg und fanden Nägel, Geschossspitzen, eine Hacke sowie einen seltsam gebogenen Metallgegenstand, den sie für einen Kerzenhalter hielten. Acht Jahre später stellte einer der Amateurarchäologen Fotos der Funde ins Internet, mit der Bitte um Hilfe bei der Bestimmung. Eine halbe Stunde später erhielt er im Forum von www.schatzsucher.de die Antwort: „Bild drei ist eine römische Hipposandale. Also ein Pferdeschuh!“

Die Ausstellung „Roms vergessener Feldzug“ im Braunschweigischen Landesmuseum beginnt mit diesem Netz-Dialog und einem wandfüllenden Foto eines Buchen- und Fichtenwaldes, der sich in ein archäologisches Grabungsfeld verwandelt hat. In Vitrinen liegen die Hipposandale und eine neuzeitliche Ausgabe der römischen „Historia Augusta“. Markiert ist eine Stelle, die übersetzt lautet: „Hernach zog Maximinus mit dem gesamten Heer nach Germanien.“ Die Hipposandale diente als Hufschutz für ein Maultier, das zum Tross einer römischen Streitmacht unter dem Kommando des Kaisers Maximinus Thrax gehört haben muss, die 235/36 n. Chr. auf dem Rückweg von einem Vergeltungsfeldzug am Harzhorn in einen Hinterhalt der Germanen geriet.

Seit 2008 sind mehr als 2800 vorwiegend militärische Fundstücke am Harzhorn ausgegraben worden. Sie ergeben das Bild eines nahezu komplett erhaltenen antiken Schlachtfelds, bei dem sich aus der Schussrichtung von Pfeilen und Geschossen der Ablauf der Kämpfe ablesen lässt. Nach den Entdeckungen vom Harzhorn musste die deutsche Gründungsgeschichte umgeschrieben werden. Die These, dass sich die Römer nach der verlorenen Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. – die später zur mythischen Stunde null der deutschen Geschichte verklärt wurde – auf Dauer hinter die befestigte Grenze des Limes an Rhein und Donau zurückgezogen hätten, ist nicht länger haltbar.

Vom Rachefeldzug des Maximinus Thrax hatte neben der „Historia Augusta“ auch der römische Historiker Herodian berichtet. Doch diese Überlieferung wurde früh angezweifelt. Dass die „Expeditio Germanica“ 300 bis 400 Meilen ins Feindesland geführt habe, hielt der französische Philologe Claude de Saumaise 1620 für grob übertrieben und stufte die Wegstrecke auf allenfalls 40 bis 50 Meilen herab. Die Macher der Braunschweiger Ausstellung sprechen von „ausgelöschter Geschichte“. Nach den gescheiterten Feldzügen seines Feldherrn Germanicus hatte Kaiser Tiberius (14– 37 n. Chr.) die Germanenkriege beendet. Doch seinen Anspruch auf die Herrschaft bis zur Elbe behielt Rom bei und suchte ihn durchzusetzen, indem es sich germanische Vasallen kaufte und immer wieder zu „Pazifizierungsinterventionen“ (Herfried Münkler) ins Barbaricum vorstieß.

„So lange wird Germanien schon besiegt“, dieser Stoßseufzer des römischen Geschichtsschreibers Tacitus hängt als Motto in einem Raum an der Wand, der die beständig zwischen Krieg und Frieden wechselnden Beziehungen von Germanen und Römern dokumentiert. Ein Glasgefäß aus dem Grab einer Germanin, gefunden bei Leverkusen, bezeugt mit der Inschrift „Merveifa vivas cum tuis“ („Merveifa, mögest Du mit den Deinen leben!“) die Übernahme römischer Sprache und Sitten. Eiserne Fuß- und Handfesseln, ausgegraben in Bayern, stehen für die brutale Praxis der Versklavung von Kriegsgefangenen. Und Gefangene konnten die Römer oft machen, das demonstriert eine Tischvitrine voller Relikte aus dem Bataveraufstand (69/70 n. Chr.), den Chatten- (83–85), Markomannen- (166–180) oder Alemanenkriegen (213). In diesen asymmetrischen Auseinandersetzungen waren die militärisch hochgerüsteten Römer überlegen, aber nichts fürchteten sie mehr als den „Furor Teutonicus“. Als die Germanen 233 den Limes überrennen und die gesamte heutige Wetterau zerstören, eilt der Kaiser Severus Alexander aus Mesopotamien, wo er gegen die Syrer kämpfte, an den Rhein.

Archäologen auf Entdeckungskurs: Sondengang am Harzhorn
Archäologen auf Entdeckungskurs: Sondengang am HarzhornFoto: Christa S. Fuchs, NLD

Er gilt als schwacher Herrscher, weil er den Thron bereits mit 13 Jahren bestiegen hatte und seither von seiner Mutter Julia Mamaea dominiert wird. Severus Alexander lässt bei Mainz eine Pontonbrücke für die Strafexpedition bauen, versucht aber gleichzeitig, die Germanen mit Geld gefügig zu machen. Die Legionäre, die um ihren Sold fürchten, zetteln einen Aufstand an und ermorden den Kaiser und seine Mutter. Zum Nachfolger wird General Maximinus Thrax ausgerufen, der als erster römischer Soldatenkaiser gilt und im Frühjahr 235 zum Feldzug aufbricht. Sein Draufgängertum bewahrt ihn nicht davor, nach drei Jahren selbst von den eigenen Truppen umgebracht zu werden.

Die Braunschweiger Ausstellung, die neben 300 Exponaten vom Schlachtfeld am Harzhorn mehr als 400 Leihgaben aus 80 europäischen Museen aufbietet, erzählt diese so blutige wie melodramatische Geschichte mit großer Lust an der Zuspitzung. Maximinus Thrax, der bei Regierungsantritt schon 62 Jahre alt war, erscheint in einer Marmorbüste als feister, bärbeißig dreinblickender Herrscher. Herodian hat ihn als brutalen Tyrannen beschrieben. Direkt gegenüber stehen zerschlagene Büsten des Vorgängers Severus Alexander und seiner Mutter, die posthum einer Damnatio memoriae verfallen waren. Das Andenken an sie sollte ausgelöscht werden, ihre Bildnisse wurden zerstört, die Namen aus Inschriften getilgt.

Römischer Reiterhelm vom Typ Theilenhofen aus Bronze mit Weißmetallüberzug, 3. Jahrhundert.
Römischer Reiterhelm vom Typ Theilenhofen aus Bronze mit Weißmetallüberzug, 3. Jahrhundert.Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Der eigentliche Gegenstand der Ausstellung, die Schlacht, ist in der Art eines Hollywood-Sandalenfilms inszeniert. In einem abgedunkelten Raum muss sich der Besucher zwischen verwinkelt aufgestellten Vitrinen, die Helme, Waffen und Ausrüstungsgegenstände von Römern wie Germanen zeigen, selber wie durch einen Wald bewegen. Auf die Rückwände der Vitrinen werden nachgestellte Kampfszenen projiziert. Germanische Reiter bei der Attacke, Legionäre mit gezückten Schwertern, ein Feldgeschütz wird in Stellung gebracht.

Beim Übergang über den Engpass des Harzhornes mochten die Römer von den Germanen überrascht worden sein. Doch dann gelang es ihnen – das zeigt eine aufwendige Rekonstruktion der Kämpfe mittels eines 3-D-Geländemodells –, ihre Bogenschützen und Geschütze zu formieren und zum Gegenangriff überzugehen. Die Römer siegten. Aber es war kein Triumph. Sie kamen nur noch einmal davon.

Braunschweigisches Landesmuseum, bis 19. Januar. Das Begleitbuch (Theiss Verlag) kostet 39,95 €.

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