Kultur : Schlachthaus Montparnasse

Ralph Dutlis Romandebüt über das Leben des Malers Chaim Soutine.

Rolf Strube

Im Paris der 20er Jahre gab es einen russischen Maler, der die Leinwand mit Farbe bewarf, lange bevor von Action Painting die Rede war. Mit Pinsel, Spachtel, oft auch der ganzen Hand bearbeitete er die Oberfläche dann wie ein Relief. Als sich der Kunstbetrieb für Chaim Soutines expressiven Realismus zu interessieren begann, war sein Name schon verbunden mit einer von Rembrandt angeregten Serie von Bildern, die das Motiv des geschlachteten Ochsen variierten. Am Montparnasse kursierte darüber manche Anekdote. Besessen von Farbeffekten, soll Soutine das Ochsengerippe in seinem Atelier wieder und wieder mit Blut aus dem Schlachthaus übergossen und die auf die Gerüche aufmerksam gewordene Polizei mit einer feierlichen Rede über die Kunst von seiner Arbeit überzeugt haben.

Soutine blieb auch in Zeiten des Erfolgs, was er war, als er 1913 mit 20 Jahren aus Weißrussland nach Paris kam: Kaum des Schreibens mächtig, aber von einer künstlerischen Verve getragen, die ihm innerhalb weniger Jahre zum Durchbruch verhalf. Wer sich ein Bild seiner Person, seines Lebens machen will, sieht sich auf die fragmentarischen Erinnerungen derer angewiesen, die ihm zeitweilig nahe standen – Geliebte, Maler und Kunstsammler.

Ralph Dutli, bekannt als Übersetzer und Biograf Ossip Mandelstams, hat jetzt in seinem ersten Roman das spärliche biografische Material überzeugend mit den Mitteln der Fiktionalisierung überblendet. „Soutines letzte Fahrt“ handelt von dem zu spät unternommenen Rettungsversuch, den nach der Besetzung Frankreichs versteckt auf dem Lande lebenden Maler 1943 in eine Pariser Klinik zu bringen, weil seine Magengeschwüre zu Komplikationen führten. Zur Tarnung wird Soutine, der längst auf der Liste „entarteter“ Künstler steht, in einem Leichenwagen transportiert. Unter dem Einfluss von Morphium erlebt er die Fahrt wie in Trance.

Wie in einem magischen Theater treten nach und nach alle für ihn wichtigen Personen auf: sein früh gestorbener Malerfreund Modigliani, der verkörperte, was ihm selbst fehlt: Bildung, Umgangsformen, Eleganz. Zborowski, sein erster Galerist, von dessen Chauffeur er sich oft nach Südfrankreich fahren ließ; seine Ex-Geliebte Gerda Groth, mit der er zusammenlebte, bis die deutsche Jüdin von der VichyRegierung interniert wurde; der Schriftsteller Henry Miller, der Soutine für ein New Yorker Magazin als berühmten jüdischen Künstler in der sogenannten École de Paris interviewte. Millers Fragen nach seiner Kindheit im Getto von Smilowitschi, seinem Heimatdorf bei Minsk, blockte er ab, wollte weder über die große Armut reden, in der er aufgewachsen war, noch über die strenge jüdische Tradition. Noch jetzt kann er sich über Chagall erregen, seinen einstigen Ateliernachbarn, der mit großem Erfolg „sein Schtetl nach Paris mitgeschleppt“ habe, während für ihn selbst das Malen zu einem Weg ins Freie wurde.

Mitte der zwanziger Jahre findet der amerikanische Pharmazeut und Kunstsammler Barnes Gefallen an Soutines Porträts junger Menschen in Uniform, den Hotelpagen, Konditorlehrlingen und Messdienern mit ihren deformierten, früh gealterten Gesichtern, ihrer Aura zwischen Verlegenheit und Würde. Barnes wird ihn in den USA bekannt machen. Soutine zerstört daraufhin einen großen Teil seiner frühen Landschaftsbilder, die im Pyrenäenort Céret entstanden waren. Am Montparnasse gilt er als Porträtist einer „heillosen Menschheit“, als experimentierfreudiger Stilllebenmaler ganzer Serien toter Hasen, Truthähne und Ochsen.

Dutli leiht Soutine eine soghafte, metaphernreiche Sprache. Sie erschließt die innere Welt des Malers, dessen Hunger nach Farbe zwischen künstlerischem Ausdruck, existenziellem Bedürfnis und physischem Hunger oszilliert. Er zieht einen hinein in den Monolog des Kranken, der erzählt, als ließe sich so Aufschub gewinnen. Alte Ängste vor Pogromen, denen er in Paris entkommen zu sein glaubte, vermischen sich mit der Ahnung, den Belastungen seiner rauschhaften Malweise nicht mehr gewachsen zu sein. Albträume einer geisterhaften Klinik, in der das Malen verboten ist, suchen ihn heim, Erinnerungen an den Spott der Familie über die ersten Malversuche, die Prügel, die er bezog, nachdem er einen alten Rabbi beim Gebet porträtiert hatte. „Sind Sie sehr unglücklich gewesen?“, fragt ihn eine Freundin vom Montparnasse. „Ich bin immer ein glücklicher Mensch gewesen“, erwidert er. Es gibt keine traurige Kunst für ihn.

Ralph Dutli:

Soutines letzte Fahrt. Roman.

Wallstein Verlag,

Göttingen 2013.

272 Seiten, 19,90 €.

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