Kultur : Schläfer, Schnarcher, Süchtige

Lars Dittmer

Rhythmisches Atmen aus allen Ecken, hie und da ein Säuseln, schmatzende Laute sich im Bette drehender Menschen. Wer einmal in Mehrbettzimmern großer Jugendherbergen genächtigt hat, kennt diese Geräuschkulisse. Der dänische Klangkünstler und Wahlberliner Jacob Kirkegaard hat die nächtlichen Laute von Freunden und Bekannten aufgezeichnet und zu einer Klangcollage unter dem Namen „House of Mare“ zusammengestellt. Sie wurde letzte Woche im „Hotel Marienbad“, einem Projekt der Kunstwerke in der Auguststraße in Berlin Mitte, für nur einen Abend präsentiert.

Die Besucher standen verdutzt vor einem großen Bett, über dem ein morbider Pferdekopf und 16 Lautsprecher hingen, aus denen die Schlafgeräusche ertönten. „Im Gegensatz zur Kontrolliertheit unserer Alltagssprache wollte ich das Unterbewusste und Unintentionale verarbeiten,“ sagt der Soundkünstler. Die „Schläfer“ wurden abends nur mit einer Flasche Champagner ausgestattet, durften noch unter die Dusche springen und wurden dann ihren Träumen überlassen.

In der Marienbad-Reihe der Kunstwerke werden Künstler eingeladen, eine Nacht in dem von der Gruppe „Fort“ eingerichteten Hotelzimmer zu verbringen. Hier können sich die Kreativen Projekte einfallen lassen, die sich an den Schnittstellen von Öffentlichkeit und Privatheit abarbeiten – dem Ambiente eines Hotels.

Diesen Freiraum nutzten auch die anderen Schlafgäste, und so sind in zwei Jahren Marienbad die unterschiedlichsten Vorhaben umgesetzt worden. Das Frankfurter Ehepaar Rausch präsentierte Bilder aus seiner Sammlung. Später verschönerte Wolfgang Breuer die Suite mit einbruchssicheren Fenstern, eine Anspielung auf die Immobilienblase in den Vereinigten Staaten.

Mit einer bizarren Aktion schließt die Marienbad-Reihe nun vorerst die Hotelpforten: Einen Drogenentzug will das Künstlerduett Benjamin Blanke und Claudia Knapp unter dem Motto „Cold Turkey – an Invitation“ in die Hotelsuite verlagern und künstlerisch begleiten. „Der Entzug selbst wird komplett von ärztlichem Personal durchgeführt“, sagt Claudia Knapp. „Uns interessiert dabei die Grauzone zwischen Spektakel und Tabuisierung, in der sich Drogenabhängigkeit gesellschaftlich befindet.“

Das Angebot des kostenfreien Entzugs kursiert seit drei Wochen in Onlineforen und hat bereits das Interesse von 80 Personen nach sich gezogen, Künstlern und anderen Abhängigen. Unter ihnen auch ein Drogensüchtiger aus Singapur, dem in seinem Heimatland drakonische Strafen wegen seiner Abhängigkeit drohen. Der Entzug verläuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der künstlerische Effekt ist aufseiten des Publikums bloß imaginiert, Spektakel ohne Spektakel. Das Ende der Aktion ist bislang noch offen und in welcher Form sich dann die Therapierten zu Wort melden, bleibt ihnen überlassen.

Das Projekt stellt einen letzten Schritt in einer künstlerischen Entwicklung dar, die den Menschen selbst zum Kunstobjekt erklärt. So siedelte Joachim Gerz unter dem Titel „2-3 Straßen“ 78 Menschen in drei Problemvierteln des Ruhrpotts an und ließ sie einen gemeinsamen Text schreiben. Zur Inszenierung des Todes ist es bislang noch nicht gekommen – trotz einer Ankündigung Gregor Schneiders, der vor zwei Jahren einen Verstorbenen in einem Museum ausstellen wollte. Dazu kam es nicht. Lars Dittmer

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