Kultur : Schläft ein Lied in allen Dingen

Heino tritt ab, Angela Merkel plädiert für das Kanonsingen. Wie wichtig ist die Volksmusik für die Kulturnation?

Bodo Mrozek

Die Nachricht traf seine Fans wie ein Faustschlag: Deutschlands dunkelste Stimme tritt ab. Heinz-Georg Kramm, besser bekannt unter dem Pseudonym Heino, geht im Herbst auf Abschiedstournee. Wenn der Bariton und gelernte Bäckermeister aus Bad Münstereifel zum letzten Mal die deutschen Mehrzweckhallen zum Schunkeln bringt, wird ihn das eher mit amerikanischer Volksmusik hervorgetretene Golden Gate Quartett begleiten, am 10. November auch im Berliner ICC. Eine schwere Stunde nicht nur für die Fans des Sängers mit der schwarzen Brille. Denn was der 67-Jährige für die deutsche Volksmusik – oder das, was man heute dafür hält – geleistet hat, ist viel. Und es hat ihm nicht geschadet. Nach mehr als 1000 Liedern und 40 Millionen verkauften Tonträgern soll nun Schluss sein. Mit Heino fällt ein Monument volkstümlichen Musik.

Unerwartete Schützenhilfe erfährt das bedrohte deutsche Liedgut von politischer Seite. Als Kanzlerkandidatin Angela Merkel kürzlich der „FAZ“ ein Interview zum politischen Themenrandgebiet Kulturpolitik gewährte, sprach sie darin das Singen an. „Zu ,Wenn alle Brünnlein fließen’ kann ich heute auch noch die zweite Stimme singen“, verriet die Pfarrerstochter aus Templin. Allerdings sei sie bei Volksliedern nicht sonderlich textsicher – wie die meisten Deutschen.

Natürlich ist Angela Merkel keine Krachlederne. Die Kandidatin ist bekennende Wagnerianerin und erträgt auch schon mal die Zumutungen einer Schlingensief-Inszenierung, wenn auch mit Schmerzen. Überdies besitzt sie nach eigener Auskunft eine Platte der Beatles. Aber sie ist klug genug, ein Kernmilieu ernst zu nehmen. Und indem die Christdemokratin das Vergessen nationalen Liedguts beklagt, legt sie den Finger in eine Wunde der Deutschen, die schmerzhaft in deren kulturellem Selbstverständnis klafft.

Welches Verhältnis hat ein Volk zu seinen Liedern, das von den meisten allenfalls die erste Strophe kennt, wie Merkel mit Recht bemängelt? Und, so möchte man hinzufügen, eine Hymne besitzt, von der nur die dritte Strophe als singbar gilt? Der von Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland geschriebene Text zur Melodie von Joseph Haydn forderte in seiner zweiten, wenig bekannten Strophe schon 1841: „Deutsche Frauen, deutsche Treue / deutscher Wein und deutscher Sang / sollen in der Welt behalten / ihren alten schönen Klang.“ Verbessert hat sich seitdem vermutlich nur die Qualität des deutschen Weines. Um die Sangeslust, so lässt sich in den Kanon von Fallersleben bis Merkel einstimmen, ist es jedenfalls nicht zum Besten bestellt.

Dabei ist das Volkslied der Ursprung aller Populärmusik. Im Unterschied zur Sakralmusik spiegelt es Freuden und Nöte der Menschen wieder. Es handelte nicht nur von Wanderslust und schwarzbraunen Mägdelein, sondern äußerte auch Kritik an den Herrschenden. Mit einer eingängigen Melodie versehen, waren Lieder lange vor Entstehen der Gutenberggalaxis ein Medium, das Inhalte blitzartig verbreitete und im kollektiven Liedgedächtnis verankerte.

Allein das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg hat eine Viertelmillion schriftliche Überlieferungen gesammelt, darunter mehrere zehntausend Lieder in verschiedenen Versionen. Gesungen wird, seit es Sprache gibt. Das frühe „Lochamer Liederbuch“ stammt von 1455, den Begriff Volkslied prägte 1773 Johann Gottfried Herder, der das zweibändige Liederbuch „Stimmen der Völker in Liedern“ herausgab. Die wohl berühmteste Liedersammlung, „Des Knaben Wunderhorn“, trugen Clemens Brentano und Achim von Arnim 1805 zusammen. Goethe empfahl den Bestseller für „jede Küche des einfachen Volkes“, doch in der Heidelberger Romantik-Fraktion war das Werk schon damals umstritten. Arnim neigte zur „Restaurierung“ der überlieferten Lieder, was Verfechter der Naturpoesie als Verfälschung ablehnten.

Eingang ins 1914 gegründete Volksliedarchiv finden nur solche Lieder, von denen mindestens zwei verschiedene, mündlich überlieferte Versionen existieren. Denn anders als das Kunst- und Bühnenlied, das meist aus kommerziellem Interesse zum Vortrag gebracht wird, gehört das Volkslied dem Kollektiv, das frei darüber verfügt. Das musste unlängst die erzgebirgische Kniebundkapelle De Randfichte schmerzlich erfahren, die mit dem Lied „Lebt denn der alte Holzmichl noch“ in den deutschen Singlecharts Gold und Platin abräumte. Kapellmeister Michael Rostig wollte sich die Rechte sichern. Der Hit lässt sich aber bis ins Jahr 1877 zurückführen, wo er unter dem Titel „Lebt denn der alte Hausschild noch“ bekannt war, später ging es um den alten Fischer, den Hanauer, in den 1970er Jahren um den „alten Adenauer“. Als „Holzmichl“ kennt es die sechste Auflage des Liederbuchs „Poverello“ von 1987.

Schon Joseph Goebbels scheiterte beim Versuch, das so genannte Horst-Wessel- Lied schützen zu lassen, am Berliner Landgericht: Es basiert auf einer Berliner Leierkastenmelodie. Die gilt seitdem allerdings als obsolet. Kein System hat dem Volkslied so geschadet wie die Nazis. Nach dem Rassenklampf der Nationalsozialisten galten selbst jene Lieder, die vor dem Krieg Wandervögel, Reformer und Singbewegungen populär gemacht hatten, pauschal als rechts. Gerade Künstler wie Heino intonierten zwar zur Freude der Generation Stalingrad unverdrossen Lieder wie „Die blauen Dragoner“ und das Deutschlandlied mit allen Strophen.

Doch waren es nach dem Krieg gerade Linke, die unter dem Begriff Folklore dem Liedersingen zur Klampfe neue Impulse gaben. Peter Rohland, ein Freak mit Schaffellmantel und VW-Kübelwagen, machte in den Sechzigern auf den Chanson-Festivals der Burg Waldeck im Hunsrück jiddische Lieder populär. In den Siebzigern nannte sich die Folk-Gruppe Zupfgeigenhansl nach Hans Breuers berühmtem Vorkriegsliederbuch und in der Anti-Atomkraftbewegung der Achtzigerjahre erklangen alte Volkslieder mit neuen Texten.

Seit dem nationalen Freudentaumel der Wiedervereinigung pflegt man wieder ein unverkrampftes Verhältnis zu deutschem Brauchtum, in den boomenden Fernsehshows der volkstümlichen Musik wuchs auch in Mundart zusammen, was die Mauer streng geteilt. Die Einschaltquoten sind heute stabil, „Musikantenstadl“ (7Mio.) und „Feste der Volksmusik“ (9Mio.) werden von fast genauso vielen Menschen gesehen, wie „Tatort“ (8Mio.) oder „Tagesschau“ (10 Mio.). Sie dürfen deshalb auch mal die Sendezeit überziehen – nicht zur Freude aller Zuschauer. Die Lust an drallen Miedern, schäumenden Seidln und jodelnden Kehlen spiegelt sich jedoch nicht im Plattenverkauf wieder: Nur zwei Prozent der verkauften Tonträger gehören zur Volksmusik im engeren Sinne. Die im Fernsehen simulierte bunte Geselligkeit kann eine kalte CD offenbar nicht bieten. Mit dem Schlager zusammen ist der Anteil aber immer noch größer als der der Klassik.

Beim Volksmusik-Label Koch-Universal schätzt man den Käufer von Volksmusikplatten dennoch als einen treuen Kunden, der am Schicksal seiner Künstler teilnimmt. Von Medien wie „Frau mit Herz“ bestinformiert über Hobbys und Haustierhaltung seiner Stars, schätzt der Volksmusikfreund gerade die undistanzierte Volkstümlichkeit der Musiker, die anders als Pop- und Rockstars nicht unangenehm mit Skandalen und Allüren auffallen, sondern ihre Geranien selber gießen. Auch macht die Sprachnation hier nicht vor den engen Grenzen der Bundesrepublik halt. Das Zillertal etwa wird in musikalischer Hinsicht ganz selbstverständlich annektiert: von der Etsch bis an den Belt. Die Grenzen zum Schlager sind dabei allerdings fließend, mit echten Volksliedern hat die Schunkelmusik nur noch wenig zu tun. Karl Moik, als Hardcore- Fan der Blasmusik ein Garant auch traditionellen Liedgutes, muss den Musikantenstadl zum Jahresende abgeben.Was danach folgt, ist ungewiss.

Privat wird nur noch wenig gesungen. Seit Erfindung des Transistorradios starb das Küchenlied aus, das Wiegenlied ersetzen Hörspielkassetten und Teletubbies. Selbst bei der Bundeswehr erklingen kaum noch Lieder, ihr Liederbuch „Kameraden singt!“ wurde zur politischen Entrümpelung eingezogen – diese Demokratisierungsarbeit dauert seit Jahren an. Echte Volkslieder im Sinne Herders entstehen heute in Fußballstadien und beim deutschen HipHop: überall dort, wo Menschen sich singend Texte zur eigenen Verwendung schöpferisch aneignen.

Die Millionen Liebhaber volkstümlicher Musik sind dennoch eine ernst zu nehmende Größe, die nicht vernachlässigen darf, wer Deutschland regieren will. Der Soziologe Gerhard Schulze rechnet sie in seiner Analyse „Die Erlebnisgesellschaft“ dem „Harmoniemilieu“ zu und attestiert eine „milieuspezifische Tendenz zum Rückzug ins Private und Inaktive“ – was auch die Liedtexte widerspiegeln.

Befragungen ergaben eine gleichzeitige Neigung zu Basteln, Kochen, Auto, Aquarium, Bestseller, Heimatfilm, Quizshow, Kreuzworträtsel. Politisch zeichnet sich das Harmoniemilieu laut Schulze durch die Suche nach Geborgenheit und Bereitschaft zur Unterordnung aus. Das Kanonsingen erfordert beides. Ob aber unter einer konservativen Kanzlerin der deutsche Sang wieder Chefsache würde, ist dennoch ungewiss. Als sich der scheidende Heino der Politik als Volksliedbeauftragter aufdrängte, wies ihn die CDU schroff zurück. Bei aller Liebe zum Lied war dies sicher die richtige Entscheidung.

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