Kultur : Schlaf: Heimwärts

Michael Schindhelm

Alles ist in Bewegung. Allem voran der Mensch. Freiwillig oder unfreiwillig. Menschenströme durch Shopping-Malls und brennende Häuserzeilen, auf Flughäfen und Mülldeponien. Mobilität ist das höchste Gut und die tiefste Not. Börsenkurse, Geburtenraten, Einschaltquoten - die Indizes des flexiblen Menschen - schlagen in wachsenden Amplituden aus, der soziale Raum wird auch in Europa oben und unten leck geschlagen, reißt auf, weitet sich, up and down ist die Grunderfahrung der Epoche, Stabilität eine sentimentale Geste, Unsicherheit Programm. Nichts gibt Halt, nichts steht still. Überall die Muster der Migration.

Wo sich alles bewegt, hat Heimat keinen Platz mehr. Sie spendet keine Sehnsucht nach infantiler Geborgenheit und ist nicht mehr länger die Adresse von Nostalgie. Der bewegte Mensch verliert seinen Ursprung und gibt seine Herkunft zurück.

Auch ich bin in Bewegung. Ich wurde vor vierzig Jahren in Eisenach geboren, wuchs in einem Land auf, das es seit elf Jahren nicht mehr gibt, habe in einem anderen Land, das es inzwischen auch nicht mehr gibt - der Sowjetunion - fünf Jahre Chemie studiert und dort auch danach immer wieder mal gelebt, leite heute ein Theater in der Schweiz, und das einzige Stück Land, das mir gehört, sind ein paar Quadratmeter Italien. Der Untergang der Heimat, die Brüche, Abstürze, Aufschwünge, Selbsterfindungen, Ankünfte und Abschiede, das ist alles gut. Trotzdem fragt es manchmal in mir, wo eigentlich ein Zuhause ist? Denn das Heimweh bleibt.

Ich habe es immer zu stillen gewusst, und zwar im Schlaf. Der Schlaf ist tatsächlich, vielleicht schon immer, meine Heimat. Der Schlaf ist das Reich, in dem ich noch nie gewesen bin und in das ich täglich/nächtlich zurückkehre. Je älter ich werde, um so kürzer die Aufenthalte in ihm, um so größer die Abstände zwischen diesen Aufenthalten. Das Grenzgebiet zwischen der Heimat des Schlafes und der Fremde des Wachzustands wird von guten und bösen Geistern bewohnt, von denen noch die Rede sein wird. Die Überfahrt ist an strenge Vorschriften gebunden, man stößt sich nicht einfach so vom Ufer des Tages ab und landet sicher auf dem anderen Boden. Im Laufe der Jahre habe ich diese Vorschriften kennen- und befolgen gelernt. Dabei habe ich einiges über mich selbst erfahren. Zum Beispiel, dass ich niemals in Zügen oder Flugzeugen schlafen kann und mich in fremden Betten Hypnos erst dann heimsucht, wenn das Zimmer vollständig abgedunkelt ist und ich auf dem Bauch liege. Zum Leidwesen meiner Frau könnte ich nie bei offenem Fenster schlafen. Ohne wärmende Decke auf dem Körper, dafür ein Kissen nicht unter, sondern auf dem Kopf, bin ich für die Reise gerüstet. Hotelzimmer beurteile ich vor allem danach, ob sie den Lärm der Straße und der Nachbarn von mir fernhalten, in einigen Ländern muss ich mich mit Wolldecken behelfen, da die Kopfkissen zu leicht sind, um ihren schalldämmenden Dienst zu tun. Mein Verhältnis zum Schlaf ist also eine leicht ungesunde Leidenschaft, die dadurch nicht gesünder wird, dass ich ihr viel zu wenig nachgehe.

Der Keim wurde früh gesetzt. Ich gehörte zu den Kindern, die selten die Eltern darum angingen, den Zeitpunkt des Schlafengehens aufzuschieben. Hatte die Mutter das Deckenlicht gelöscht und mir, der ich in einem schweren Eichenbett lag, das wir von der verstorbenen Großmutter geerbt hatten, noch einen Abschiedsgruß zugeworfen, verwandelten sich die Dinge um mich her. Vom Hof fiel ein schwaches Licht durchs Fenster herein und kroch leise über einen Kachelofen, der seit Jahren nicht mehr geheizt wurde und auf dem meine Schultasche lag. Selten hat mir das Dunkel in diesen Minuten des Übergangs Angst gemacht. Wenn es doch geschah, dass mich die Eltern einmal zu Hause zurückließen, sich der Wohnungsschlüssel endgültig ins Schloss der Wohnungstüre drehte und ich einen Augenblick lang bangte, ob sich nicht hinter dem Vorhang ein Einbrecher verborgen hielt, genügte es schon, dass ich die Decke ein wenig höher unters Kinn zog und die Augen schloss. Auf ihn, den Schlaf, war Verlass, er rief mich Zaghaften zu sich und barg mich vor den Anfechtungen aus dem Dunkel.

In diesen Jahren stand ich in der Dresdner Gemäldegalerie vor Giorgiones "Schlummernder Venus". Unter Kumuluswolken im Abendlicht, vor grünen Feldern, Wegen und Gebäuden am Fuß einer Festung, am Gebüschrand, ganz nahe vor mir die Frau, leise atmend auf hellen Tüchern, nackt, den Kopf auf einem roten Kissen, der blendend-marmorne Leib zu mir hingedreht, dunkles Haar, Brust, leicht gewölbter Bauch, übereinandergeschlagene Schenkel, die linke Hand auf der Scham. Minutenlang muss ich mit offenem Mund und stehendem Blick vor der Frau ausgeharrt haben. Unvorstellbares stellte sich mir vor. Eine Frau, die sich unbekümmert auf das Feld gelegt hatte, an einen Gebüschrand zwar, aber doch selbst aus der Ferne für jedermann sichtbar, die sich nackt auf dieses Feld gelegt hatte und eingeschlafen war. Meine Bewunderung angesichts des Mutes dieser Frau kreuzte sich mit dem Zweifel, ob diese Bewunderung richtig war. Wie konnte sie sich nur den Blicken Fremder aussetzen? Hatte sie denn keine Angst, jemand könne über die Äcker kommen und ihr ein Leid antun? Am liebsten hätte ich die hellen Tücher genommen und den blendend entblößten Körper damit zugedeckt. Ich machte mir Sorgen um die mutige nackte Frau, sogar noch am Abend, nachdem die Mutter wieder die Deckenlampe gelöscht hatte und ich in einem fremden Bett im Begriff war einzuschlafen.

Der Schlaf half in allen Lebenslagen und ließ selten auf sich warten. Er spendete Trost für alles Geschehene und alles Mögliche. Besonders gut und tief schlief ich immer, wenn der nächste Tag schwierig zu werden versprach, ein Gedichtvortrag oder eine Leistungskontrolle in Chemie anstanden, und das Erwachen am Morgen kam dann schwerfällig und unwillig.

Einmal macht Kafka die Entdeckung, der Augenblick des Erwachens sei von einem tiefen und sich erst nach Minuten auflösenden Befremden begleitet. Man tritt ein in die Welt aus einem Nacht für Nacht wiederkehrenden Embryonalzustand. Das Boot stößt wieder am Steg des Tages an, ein Ruck geht durch den Körper, dann stehen vor dem sich öffnenden Auge die vertrauten Bilder des Schlafzimmers auf. Es waren diese vertrauten Bilder, mit denen ich als Kind, im Halbdunkel liegend, manchmal die plötzlich aufschnellende Frage verscheuchte, wo ich mich eigentlich befinde, ob wirklich die Eltern im Nebenzimmer schliefen und heute Sonntag sei und es nach dem Frühstück in die Kirche gehe? Ob ich eigentlich derselbe sei, der gestern in dieses Bett gestiegen und mit dem Blick auf den schwach angeleuchteten Kachelofen eingeschlafen war, oder nicht vielleicht ein anderer, den man heimlich in der Nacht gegen mich ausgetauscht hatte, und warum sollte es nicht möglich sein, dass ich diesen Handel im Tiefschlaf gar nicht bemerkt hatte, dass auch die Eltern nicht mehr die Eltern von gestern waren und das Zimmer, die Wohnung, die Kleinstadt, in der ich bisher gelebt hatte, in nächtlichem Handumdrehen an die Stelle anderer Eltern und eines anderen Zuhauses getreten waren. Aber da rief mich die Mutter durch die geschlossene Tür beim Namen, der Morgenbus bog vor der Post ab, über mir knarrte eine wohlbekannte Diele, auf dem Kachelofen wartete die Schultasche, und das alles hier war nur die Bühne meiner Kindertage.

Meine Heimat hat viele Namen, doch in den meisten Sprachen ist der Schlaf vor allem der Bruder des Todes und der Liebe. "Getränkt mit des Lethe Tau und der schläfernden Kraft der Styx" ist der Zweig des Hypnos, mit dem er den Steuermann Palinurus in Vergils "Aeneis" betäubt, Sokrates wünscht sich den Tod als traumlosen Schlaf herbei, Penelope preist die Süße des Schlafes vor den Qualen des Tages, und das Ziel aller Mühsal setzt Thanatos mit dem Todesschlaf. Aber auch Eros ist im Spiel um das Reich der Nacht. Undine richtet ihren Liebhaber Lawrence, in dem sie ihn ersticken lässt, als sie ihn schlafend bei einer anderen findet. Der Liebes- und Beischlaf überfällt die Mänaden nach ihrem orgiastischen Zug durch den Pinienhain. Endymion, der Schöne, wird für den Schlafgott selbst zum Objekt der Begierde: Hypnos verliebt sich in den Knaben, versetzt ihn in ewigen Schlaf, den Endymion mit offenen Augen verbringt, damit der Gott zu ihm eindringen kann. Ariadne, die Betrogene, wird auf Naxos von Theseus im Schlaf verlassen, der gestürzte Kronos von seinem Sohn Zeus in den Schlaf eingesperrt und dazu verurteilt zu träumen, was Zeus plant. Der Bann- und Zauberschlaf hält die Zeit an (Dornröschen) und versetzt die Grenze zwischen Leben und Tod (Schneewittchen). Oberon verzaubert den Kalifenhof.

Den Schlaflosen gehört unser Mitleid. Die Fabel von jenem Mann, der sich gewünscht hatte, nie wieder schlafen zu müssen, und der mit steinernen Augen rastlos durch die Welt irrt, nachdem ihm der fatale Wunsch erfüllt wurde, warnt alle Schlafunlustigen.Doch unsere Welt weiß es besser. Der Markt lockt mit Kassetten, mit deren Hilfe angeblich im Schlaf Geld zu verdienen ist, Fett abzubauen oder eine Fremdsprache zu erlernen. Es ist die Rede von russischen Schlafmaschinen: Schlafverstärkender Strom wird durch das Gehirn gejagt, im Glauben, bis zu sechs Stunden Schlaf pro Tag einsparen zu können. Nightclubs, Vollzeitfernsehprogramme, Konsumoptionen ohne Ladenschlusszeiten fräsen ihre Schneisen durch die Stille der Nacht. Die amerikanische Schlafstiftung hat herausgefunden, dass wir zwanzig Prozent weniger schlafen als unsere Vorfahren vor hundert Jahren. Das Symbol für die Schlaffeindlichkeit ist der Wecker. Allein die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit führte in den USA in den achziger Jahren zu einem rapiden Anstieg von unfallverursachten Todesfällen.

Auch ich bin den Nachstellungen des Tages ausgeliefert. Seine blendenden Angebote verführen zum gefährlichen Genuss des Wachzustands. Carpe diem schreit es in wechselnden Idiomen von Werbeplakaten, aus Fernsehkanälen, Telefonhörern und Internetnachrichten. Wie wäre dieser Verführungsterror auszuhalten, wüsste man nicht den Weg, regelmäßig von der Drehscheibe abzuspringen und hinüberzugleiten in die Welt des tröstenden Vergessens?

Alkaloide dienen zur Verkürzung des Weges. Daran erinnert Fassbinders Diktum: "Schlafen kann ich auch in der Ewigkeit." Für die Beförderung in Traum- und Trancezustände steht ein gut sortiertes Repertoire von Rauschmitteln zur Verfügung, Jim Morrisons "Crystal Ship" hat die Segel gesetzt.

Ich erreiche die Heimat meistens auch ohne Zuhilfenahme von Narkotika. Die Pendelfahrten zwischen Tag und Nacht gehorchen noch immer den strengen Vorschriften, die ich früh kennengelernt habe. Ein Bett, Bauchlage, Dunkelheit, ein schweres Kissen - ich bin bereit.

Der Schlaf ist eine letzte große Gewissheit. Er erinnert inständiger an unsere Natur als an unsere Kultur. Wie die Schwerkraft verbindet er uns einer Realität, die mächtiger ist als alle Tagesgeschäfte dieser Welt. Wer ausgeschlafen hat, dem ist kein Ziel zu hoch und kein Weg zu weit. Die Drachentöter fielen vor und nach ihrem Kampf in tiefen Schlaf. Von Napoleon wird berichtet, er sei imstande gewesen, übergangslos einzuschlafen, ganz gleich, wie heikel die Lage war. Wer eine sichere Heimat hat, den ficht so leicht nichts an. Er sieht es strömen und wandern und weiß mit Novalis: Wohin gehen wir? - Immer nach Hause.

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