Kultur : Schlafen, Arbeiten, Freizeit

Die Berliner Künstlerin Barbara Steppe verwandelt in der Galerie Vincenz Sala Lebenszeit in Kunst.

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Foto: Barbara Steppe
Foto: Barbara Steppe

Der Rhythmus der anderen gibt in der Arbeit von Barbara Steppe den Takt vor. Schlafen, arbeiten, essen, schreiben, warten: Was sich im Trott der Gewohnheit zu einem beliebigen Tag summiert, ist in Wahrheit essenzielle Lebenszeit.

Daran erinnern die Aquarelle mit ihren scheinbar abstrakten Mustern, die tatsächlich Diagramme sind. Und ebenso die zarten, zu Bündeln arrangierten Papierstreifen der Berliner Künstlerin. Seit Jahren hält sie Freunde wie Fremde dazu an, ihre Tätigkeiten möglichst gewissenhaft aufzuzeichnen. Anschließend wertet die Künstlerin die Protokolle aus und setzt verbrauchte Zeit visuell um – als Möbel, Skulptur oder Ornament. In der Galerie Vincenz Sala sind neben den Aquarellen zwei Riemen an der Wand montiert, die sich dank eines Motors stetig bewegen (4200 Euro). Dass die rotierenden Bänder aus verschiedenfarbigen Stoffstreifen bestehen, versteht sich von selbst: Auch dieses kinetische Objekt funktioniert wie ein Diagramm und fasst die Tagesabläufe zweier Personen in unterschiedlich langen Sequenzen zusammen.

Wie sich Barbara Steppe fremden Alltag aneignet, lässt sich im Keller der Galerie nachvollziehen. Für die akustische Arbeit „Vierzehn“ (2011) hat jeder der 14 Akteure seine Tätigkeiten notiert. In unregelmäßigen Abständen zählen Frauen, Männer und Kinder ihre Tätigkeiten auf. Manche Worte werden parallel gesprochen, überlagern sich oder verschwimmen zu dadaistischen Dialogen. Tatsächlich aber folgt das Chaos der Stimmen einer strikten, von der Berliner Künstlerin erstellten Partitur.

Die Lebensläufe werden verdichtet, abstrahiert, in Farbe umgesetzt und formal strukturiert. Gewohnheiten dienen als Basismaterial, aus dem heraus die eigentlich künstlerische Arbeit entsteht. Erstaunlich ist dabei, wie wenig dieses strenge Prinzip einengt. Stattdessen lässt es im Werk der 1956 Geborenen seit über zwei Jahrzehnten immer wieder neue Ausdrucksformen entstehen, die sich innerhalb der selbst gesetzten Grenzen entfalten. Jüngstes Beispiel: die unbetitelten Aquarelle der Serie „Schlafen, Arbeiten, Freizeit“ (je 950 Euro), die nur auf den ersten Blick wiederkehrende Strukturen zeigen. Tatsächlich unterscheidet sich jedes Element, weil es die gleichen Tätigkeiten verschiedener Menschen abbildet. Schlafen und Arbeiten, das müssen alle. Aber nicht im selben Maß. Christiane Meixner

Galerie Vincenz Sala, Helmstedter Str. 8, bis 9.6., Mi-Fr 16-21 Uhr, sa 15-18 Uhr

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