„Schlafende Sonne“ von Thomas Lehr : Ein Roman wie ein Kugelblitz

Thomas Lehrs Jahrhundert-Roman „Schlafende Sonne“ gilt als Favorit beim Deutschen Buchpreis. Er ist ein grandioses Epos auf der Höhe der Zeit, sonnentrunken und riskant.

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Virtuos. Thomas Lehr, geboren 1957 in Speyer, lebt in Berlin. 2011 erhielt er den Berliner Literaturpreis.
Virtuos. Thomas Lehr, geboren 1957 in Speyer, lebt in Berlin. 2011 erhielt er den Berliner Literaturpreis.Foto: Thomas Frey/dpa

Wie ein Spiralnebel ist dieser Roman gebaut, in großen, weiten Bögen, mit Kurven und Überschneidungen, Rotationen und Verwirbelungen. Wer sich hineinbegibt, sollte furchtlos hineingleiten in dieses Abenteuer, im Vertrauen darauf, dass Thomas Lehr, der Titan unter den deutschen Gegenwartsschriftstellern, schon wissen wird, was er tut. Man kann „Schlafende Sonne“ einen Eheroman nennen, einen Künstler-, Epochen- und Wissenschaftsroman, einen Roman über die deutsche Teilung und ihre Vorgeschichte, aber auch ein Energiegeschoss, einen Feuerball, eine Gedankenexplosion.

Wir wirbeln durch die Welt wie kleine Teile. Alles, was wir wahrnehmen, denken und empfinden, halten wir zwar für übertragbar; die Sprache, unser am weitesten ausgefeiltes Symbolsystem, legt das nahe. Aber kein Mensch weiß, wie sich die biochemischen Prozesse eines anderen Körpers wirklich anfühlen. Wir mögen uns einem anderen Menschen noch so nahe fühlen, ein paar Minuten ernsthaftes Nachdenken genügen, um sich klar zu sein, dass er alles aus einer anderen Perspektive wahrnimmt.

Thomas Lehr nimmt uns mit in die Köpfe seiner Hauptfiguren. Aber er taucht nicht mittels erlebter Rede mal in dieses, mal in jenes Bewusstsein ein. Er verbindet Frau und Mann zu einer Paar-Konstellation, die wie ein Kugelblitz durch den Roman saust. So sehen wir mehr, als ein einzelnes Bewusstsein sehen könnte, mehr auch, als der Autor für den Leser willentlich arrangieren kann. „Schlafende Sonne“ lebt von Rückkopplungseffekten: Als könnte jeder Satz mit jedem anderen in Verbindung treten. Der ideale Leser hätte den Roman zu jedem Augenblick der Lektüre komplett präsent und müsste ihn also mindestens zwei Mal lesen. Denn erst beim zweiten Durchlauf lassen sich jene Stellen erkennen, die so präpariert sind, dass sie ihren Sinn entfalten.

Den Verlockungen des Zufalls nachgeben

Ein Augusttag des Jahres 2011 bildet den Aufhänger. Es ist der große Tag von Milena Sonntag, einer Konzept- und Installationskünstlerin mit beträchtlichem zeichnerischem Talent. Sie ist Anfang vierzig und hat ihre erste umfassende Retrospektive, die heute eröffnet wird. Ihr Name ist bekannt, seit einigen Jahren findet man Artikel über sie in Kunstzeitschriften und Feuilletons. Ihr Mann Jonas ist Physiker, fünf Jahre älter als sie, die zwölfjährige Tochter geht aufs Gymnasium, der neunjährige Sohn in die Grundschule.

Es ist klar, dass Jonas in letzter Zeit noch mehr familiäre Aufgaben als sonst übernommen hat. Auch heute bringt er die Kinder zur Schule. Und er wird sogar Rudolf Zacharias, Milenas früheren Dozenten und Liebhaber, vom Flughafen Tegel (dem „Benzolring“) abholen. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler lehrt zurzeit in Tokio. Nun kommt er, im Fukushima-Jahr, extra angeflogen, um an Milenas großem Ereignis teilzunehmen. Allerdings will er auch seine erwachsene Tochter besuchen. Davon erfahren wir in den Stunden, die er mit einer zufällig im Flugzeug wiedergetroffenen Liebe im Bett eines Frankfurter Flughafenhotels verbringt. Einen ganzen Tag Verspätung hat er sich geleistet, um der Verlockung des Zufalls nachzugeben. Vielleicht kann er mit Cara noch einmal von vorn beginnen.

Seine Ex-Frau Martha lehrt Philosophie wie er, allerdings auf einem festen Lehrstuhl in Göttingen. Sie hat es zur angesehenen Husserl-Spezialistin gebracht, mit dem Schwerpunkt Logik, während er ein gedanklicher Springinsfeld geblieben ist und es eher mit Husserls Konzept der „Lebenswelt“ hält. Auf einer von Marthas Partys hat er Cara vor Jahren kennengelernt, auch Milena war damals noch hin- und hergerissen zwischen Philosophie und Kunst. Ihr Vater gehörte zur Dresdner Künstler-Boheme und wurde von der Stasi außer Landes gejagt.

Der Roman liest sich wie eine literarische Umsetzung von Husserls Phänomenologie

Thomas Lehr bedient in jedem Augenblick virtuos verschiedene Ebenen. „Schlafende Sonne“ hat eine Sprache, die so beweglich ist wie zurzeit keine andere intellektuelle epische Prosa, ungeheuren Witz, Sinnenfreudigkeit quer durch alle Register, Lust an Erotik und sexuelle Eindeutigkeit. Sie hat Metaphern, die einen das Staunen lehren und oft genug zum Lachen bringen. Kluge Reflexionen finden sich zuhauf. Etwa Rudolfs Nachsinnen über den merkwürdigen Augenblick, wenn alle Insassen eines Flugzeugs nach der Landung ihre Smartphones einschalten und die zeitweilige Schicksalsgemeinschaft realer Körper verlassen, um sich wieder in ihre unterschiedlichen Bezugssysteme einzuloggen; oder das Nachdenken über die Geste, mit der Reisende beim Check-in ihre Koffer aufs Förderband fallen lassen – wie befreit von einer existenziellen Last.

Gedanklich aktualisiert mit Modellen der fraktalen Geometrie, lässt sich der Roman auch als literarische Umsetzung von Edmund Husserls Phänomenologie und ihrer Modifikation durch dessen Schülerin Edith Stein lesen. Um sie drehen sich, als Edmond und Esther, ganze Erzählstränge. Das Schicksal von Husserls Sohn, der im Ersten Weltkrieg fiel, wird ausführlich geschildert, sein zerfetzter Körper eingetragen in die Ikonografie der zerbrochenen Hälften, die der Roman nicht nur als Nachklang platonischer Kugelwesen in verschiedenen Modifikationen bewegt.

Ein turbulenter Parcours zwischen Abstraktion und Anschauung

Der 1957 in Speyer geborene und in Berlin lebende Schriftsteller hat mit Milena und Jonas das perfekte Double seiner Obsessionen gefunden. Mit ihren Biografien und Leidenschaften, die eine aufgewachsen in Dresden und Ost-Berlin, der andere in Freiburg, erste Begegnung im Yosemite Nationalpark, zufälliges Wiedersehen in Göttingen, kann er eine geistige Topografie entwerfen, die ihm das freie Navigieren in vermintem Gelände erlaubt. Denn dieser Roman will noch mehr als der 9/11-Roman „September. Fata Morgana“, der vor sieben Jahren auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und mehr als der mit physikalischen Effekten spielende Roman „42“, der gleich 2005 auf die Shortlist des ersten Deutschen Buchpreises kam.

Was Lehr gedanklich für richtig hält, führt der studierte Naturwissenschaftler durch. „Schlafende Sonne“ ist ein turbulenter Parcours zwischen den luftigen Höhen fortgeschrittener Abstraktion und der konkreten Anschauung, die Milenas Kunst bieten kann, trotz ihres hohen konzeptionellen Anteils. So gleitet der Leser nicht nur durch die private Sphäre der Protagonisten, sondern pilgert auch durch die Installationen der Ausstellung.

Milena Sonntag will das Jahrhundert begreifen, seine Spaltungen und Gewaltexzesse, die Schlachtfelder, Kriege, Aussonderungen. Sie will wissen, wie sich ein jüdischer Junge fühlt, der auf dem Dachboden eines Pfarrhauses versteckt wird, den Unterschied zwischen Frauen und Männern ergründen, immer wieder stellt sie den geschundenen Körper oder den beseelten Leib ins Zentrum einer Installation. Viele ihrer „Boxen“ erinnern an Louise Bourgeois, von der auch das Motto des Romans stammt.

Die Kosten der Kreativität

Alles geschieht gleichzeitig, jederzeit gehen dem Leser neue Lichter auf: Wie die beiden Göttinger Buchhändler-Familien zusammengehören beispielsweise, an denen Lehr vorführt, wie der Zweite Weltkrieg auf Existenzen einwirkt, die schon der Erste Weltkrieg versehrt hat. Im israelischen Kunsthändler Carl erkennt man den Jungen vom Dachboden wieder. Er konkurriert mit einem Sammler um Milenas Werk, dessen Name auf eine der Göttinger Familien verweist. Irgendwann begreift man, dass die Szenerie in Tel Aviv, als sich Milena entschließt, ein ambitioniertes Projekt zugunsten ihrer Familie aufzugeben, 2006 spielt.

Wie groß sind die Kosten der Kreativität? Lohnt sich die Anstrengung überhaupt? Es ist eine Frage, die Lehrs grandioser Jahrhundert-Roman stets mit bewegt. Am Ende begreifen wir, dass Rudolf Zacharias, der müde Philosoph, auch deshalb angereist ist, um die Eheleute zu versöhnen. Lange liebte Milena neben ihrem Mann vier sehr spezielle Ks: Kopf, Kunst, Kinder, Klitoris. Seit der „Explosion“, wie sie das Attentat nennt, ist der Krieg an die Stelle der Klitoris getreten. Jonas hat sich auf eine Affäre eingelassen. Vor zwei Wochen ist seine Frau empört zu ihrer Galeristin gezogen. In der Nacht ihrer Ausstellungseröffnung fantasiert sie bereits das nächste Projekt: den Deutschen Pavillon für eine 2014 stattfindende Kunstschau. Ihre Albträume zeigen ein übles Satyrstück über Kaiser Wilhelm II., dessen Schuld an der deutschen Geschichte sie prüfen will. „Wird fortgesetzt“, verspricht Thomas Lehr.

Durch das Prisma eines von einem Mann imaginierten starken weiblichen Intellekts gesehen, gehört „Schlafende Sonne“ zu den Höhenkämmen der Literatur. Schon steht der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Als besondere Form der Weltbetrachtung, ebenso kontemplativ wie alle Kräfte fordernd, braucht er Leser, die Vergnügen daran haben, ihren Geist zu trainieren. „Schlafende Sonne“ ist ein Epos auf der Höhe der Zeit, sonnentrunken und riskant.

Thomas Lehr: Schlafende Sonne. Roman. Hanser, München 2017. 638 S., 28 €.

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