Kultur : Schlafes Zimmer

Wiener Festwochen: Luc Bondy inszeniert Jon Fosse mit Edith Clever

Andres Müry

Ein altes Haus, ein leeres, abgewohntes Zimmer, das wie im Schlaf liegt. Eine nackte Glühbirne hängt vom Plafond, ein totes Telefon steht in der Ecke. Die alten Bewohner sind weg, neue sind noch nicht da. Und jetzt könnten die leeren weißen Wände anfangen zu erzählen, viele Stimmen durcheinander: von Generationen und Schicksalen, von Glück und Leid, Liebe und Hass, Geburt und Tod.

Mit dieser Vorstellung etwa muss sich der norwegische Seelen- und Seriendramatiker Jon Fosse in seiner Hütte am Fjord vor seinen leeren Bildschirm gesetzt haben. Jetzt ist das Opus mit dem Titel „Schlaf“ von Luc Bondy bei den Wiener Festwochen im Akademie-Theater in deutschsprachiger Erstaufführung inszeniert worden. In einem liebevoll hyperrealistischen, auch ein wenig surrealistischen Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann, mit einer Schar hingebungsvoll charakterisierender Menschendarsteller, in der Mitte die große Edith Clever in ihrem Debüt als Greisin.

Es ist natürlich tollkühn, zu behaupten, dieses prunkende Schauspielertheater verfehle Fosses neueste Übung in sprachlichem Minimalismus – wo der Autor doch rosig animiert mit gepflegtem Dreitagebart im Arm des Regisseurs den Applaus entgegennimmt. Aber dennoch: Fosse ist kein Menschendramatiker, weder norwegischer Kroetz noch skandinavischer Strauß, sondern ein cooler, gleichmütiger Sampler anonymisierter Stimmen, mit denen er die immer gleichen menschlichen Beziehungsmuster variiert.

Zusätzlicher dramaturgischer Trick in „Schlaf“: Das leere Zimmer funktioniert wie eine Zeitzentrifuge. Die zwei „jungen Paare“, die da zu Beginn auf Wohnungssuche eintreten, altern in den neunzig Minuten, geben die Stafette fliegend an sich selber weiter. Das eine Paar (Adina Vetter, Raphael Clamer) ist das problematische, bleibt kinderlos, trennt sich, als „Mittelalte“ (Werner Wölbern, Sylvie Rohrer) trifft man sich trostlos wieder. Ein Liebhaber (Klaus Pohl) ist dazu getreten. Das andere Paar (Mareike Sedl, Philipp Hauß) ist das optimistische, bekommt dreifachen Nachwuchs, es mutiert gleich zum „älteren Paar“ (Edith Clever, Martin Schwab) und erhält vom Sohn (Christian Nickel), bevor die Mutter stirbt, noch klammen Besuch.

Fosse schreibt diesmal anders als in den früheren Stücken nicht einmal den Ort vor, ist äußerst sparsam mit Szenenanweisungen und verlangt nur wenige Requisiten. Zwei Kinderwagen für die jungen Paare; Stock, Rollstuhl und schließlich Bahre für die „ältere Frau“.

Hier muss Bondy der horror vacui gepackt haben. Er kippt den Schauspielern ein ganzes Füllhorn von Requisiten vor die Füße. Spielsachen werden ausgepackt, Spieluhren zum Klingen gebracht. Man isst Stullen oder auch Rohkost aus der Tupperwaredose. Man rasiert sich, wäscht sich die Haare, raucht. Vollgeschissene Pampers werden (vom jungen Papa) betreten weggebracht. Der Stecker des Bügeleisens verlangt nach Reparatur, eine Schnapsflasche nach Leerung. Schließlich bringt der Sohn einen echten Hering mit – die Aufzählung ist keineswegs vollständig.

Statt Leere und Konzentration drängeln sich auf der Bühne Geschichten und Anekdötchen. Wo immer man hinschaut, ist immer was los. Vor lauter szenischem Lärm hört man nicht das, worauf es ankommt: auf Jon Fosses vielgerühmte Wortmusik.

Nur eine lässt sich bei alldem die Butter nicht vom Brot nehmen: Edith Clever. Allein schon ihr Auftritt: Das Haar grausträhnig, helles verwaschenes Leinensakko, Beine bandagiert, schlurft sie im Greisinnengang vor. Und dann, mit großer umfassender Geste und Clever-Ton: „Ich bin schon immer hier gewesen!“ Das heißt: Ich bin das Gedächtnis dieses Zimmers. Und da es von Karl-Ernst Herrmann stammt, ist es wohl auch ein spätes Echo von der Schaubühnen-Lotte aus „Groß und Klein“.

In einem älteren Stück von Fosse – wer kann sie übrigens noch auseinander halten? – , im „Sommertag“ gibt es ebenfalls eine ältere Frau: In ihrem Haus am Fjord wartet sie auf die Rückkehr ihres Lebensgefährten und sieht sich plötzlich als junge Frau, wie sie in die Sturmnacht hinausschaut, wo irgendwo auf dem Wasser ihr Mann im Boot treibt. „Und da stand ich“, sagt sie, „und wurde immer leerer/… Jetzt war ich eine leere Dunkelheit/… Tief in mir drin … spürte ich, dass die leere Dunkelheit leuchtete/still/ohne Bedeutung/ohne Worte.“

Hier steckt wahrscheinlich so etwas wie die Bühnenästhetik von Jon Fosse, die ein kluger Kopf „negative Mystik“ genannt hat. Von jenem Leuchten sieht man etwas im Gesicht von Edith Clever, wenn sie am Ende im Rollstuhl sitzt und uns lange anschaut, still, aber keinesfalls leer. Und Bondy hat einen schönen Einfall: Die Schauspieler sagen aus dem Off Echos ihrer Sätze ein und übernehmen gleichsam die Rolle des Gedächtnisses, das da erlischt.

Das hätte man gerne lange ertragen, bis zum fade out. Aber Fosse will es anders. Er lässt die Alte tot umkippen, und Martin Schwab und Werner Wölbern legen sie auf die Bahre und tragen sie hinaus, sachlich, wie Männer von der Rettung. Und Bondy schickt noch ein paar tröstende Klavierläufe von Mozart hinterher.

Mozart, natürlich, regiert die diesjährigen Wiener Festwochen des Intendanten Luc Bondy, dem Stéphane Lissner das Musikprogramm besorgt: „Die Zauberflöte“ von Daniel Harding und Krystian Lupa, „Cosi fan tutte“ von Harding und Patrice Chéreau, „Zaide“ von Louis Langrée und Peter Sellars sowie das Auftragswerk „Der Don Giovanni Komplex“ von Olga Neuwirth und Erwin Riess. Sigmund Freud aber, der andere Jubilar, wäre aufgerufen, das tiefste Rätsel von Bondys „Schlaf“ zu lösen. Auf der Bühne steht von Anfang bis Ende eine eingepackte Kloschüssel.

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