Kultur : Schlaflos in Schweden

Musik macht müde Mannen munter: das Stockholmer „Baltic Sea Festival“ des Dirigenten Esa-Pekka Salonen

Dagmar Zurek

Jeden Moment, denkt man, kommt hier Pippi Langstrumpf um die Ecke geritten. Doch das grün gestrichene Holzhaus mit den roten Fensterrahmen im Östermalm-Viertel von Stockholm heißt nicht Villa Kunterbunt, sondern Törnerska Villan; es riecht noch nach Farbe und beherbergt das Pressezentrum des neuen „Baltic Sea Festivals“. Eigens dazu geschaffen, alle neun Anrainerstaaten der Ostsee in musischem Tun zu vereinen, aber auch, um auf die ökologischen Probleme aufmerksam zu machen, mit denen die Region zu kämpfen hat. Dazu wurde in das Festival ein Symposion integriert, auf dem auch der neue Aktionsplan der Umweltstiftung WWF vorgestellt wurde. „Es ist kurz vor zwölf“, sagt der Dirigent Esa Pekka Salonen, der das Festival gemeinsam mit Michael Tydén, dem Direktor der Stockholmer Berwaldhallen, gegründet hat. Und er zählt die Umweltsünden gegen die Ostsee auf: zu viele Chemikalien, Überfischung, Überdüngung, giftige Algen. Schwimmen war in diesem Sommer unmöglich.

Esa Pekka Salonen, inzwischen Chef der Los Angeles Philharmonics, ist zurück an jenes Haus gekommen, von dem aus er einst als Chefdirigent des Schwedischen Rundfunkorchesters seine Weltkarriere startete. Auch als Komponist. „Insomnia“, neulich bei den Philharmonikern in Berlin zu hören, bringt die Berwaldhallen, jenes in einen Felsen gebautes Domizil des Schwedischen Rundfunks, schier zum Erbeben. „Komponiert der immer so kraftvoll?“, fragt ein Besucher. Ja, sicher. Vielleicht ist ja auch das Finnische Rundfunkorchester besonders prädestiniert für die phänomenal instrumentierte Musik des Landsmannes.

Die Besetzung fällt auf: über 30 Geigen, acht Bratschen, dagegen nur sechs Celli, aber auch sechs Kontrabässe. Man kommt ins Grübeln, was ist noch Personalstil, was Nationalstil? Nur keinen Streit, ob Salonen den Finnen oder den Schweden gehöre, mahnt der jetzige Chefdirigent des Schwedischen Rundfunks, Manfred Honeck – und erinnert an das Scharmützel, ob Mozart zu Österreich oder zu deutscher Kultur gehöre...

Honeck hat keine Skrupel, im Stockholmer Rathaus das Brahms-Requiem mit dem Eric-Ericsons-Kammerchor aufzuführen. Fragen zur Programmdramaturgie stehen im Raum: War Brahms ein Balte? Christoph Eschenbach jedenfalls passt dramaturgisch gut hinein in das Baltic-Sea-Geschehen: Er wurde in Polen geboren. Er dirigiert hier auch Brahms, sportlich-genial aus der Hüfte heraus. Und Gidon Kremer, der sich vor sechs Jahren zum 50. Geburtstag die Gründung eines eigenes Orchesters gönnte, „seiner“ Kremerata Baltica, hat gleich doppeltes Hausrecht: Sein Großvater war Schwede.

Chöre, estnisch

Gidon Kremer verdankten die Festivalbesucher eine grandiose Interpretation von Schostakowitschs Violin-Sonate G-Dur (bearbeitet für Kammerorchester) – in der diffusen, eigentümlichen Atmosphäre des Vasamuseums. Hier wurde schon der „Fliegende Holländer“ vor einem 1628 auf seiner Jungfernfahrt gesunkenen Schlachtschiff aufgeführt. Das Allegro der Sonate spielten Kremer und die jungen Musiker so wild, als seien jene Ungeheuer hinter ihnen her, die aus den Kanonen-Luken des rekonstruierten Schiffes herausblickten.

So viel Schostakowitsch gab’s in Stockholm vermutlich noch nie an nur einem Wochenende zu hören. Unter Valery Gergievs Leitung zeigte das Petersburger Mariinskij-Theater seine 1997er Produktion der „Lady Macbeth von Mzensk“ (die Ende Oktober auch in Berlin zu sehen sein wird). Der viel beschäftigte Dirigent entfachte an der Königlichen Oper ein Feuerwerk musikalischer Emotionen, wie es das filigrane Barocktheater wohl selten erlebte. Auf der Bühne ist allerdings mehr Obi als Ikea zu sehen: Vor Lamellenzäunen und hinter roten Gardinen geht es handfest-drastisch zur Sache.

Und doch fanden auch die leisen Töne Platz in diesem Festival, das, so sagt es Berwaldhallen-Manager Michael Tydén, „smart“ geplant sein müsse, um Jugend an Musik heranzuführen. Jurist Tyden selber war einst Sängerknabe im Eric-Ericson-Chor und mag jenes Chorereignis mitinitiiert haben, das die Berwaldhallen zu einer Oase der Kontemplation machte: Ein Liedzyklus von Veljo Tormis führte die Zuhörer weit zurück zum Ursprung „ vergessener“ Völker der Ostsee. Da wurde aus dem Dirigenten Tönu Kaljuste ein Schamane mit beschwörenden Gesten, und aus seinem Estnischen Kammerchor eine Gemeinschaft schwingender Körper (im Rahmen des „Fests der Kontinente“ ist der Chor am 21.9. in der Berliner Gethsemanekirche zu erleben).

Tango, finnisch

Und dann war da noch der finnische Klarinettist Kari Kriikku – sein Showcase hätte ihn, wäre er unter den Fittichen eines in Deutschland tätigen Labels, sofort in die Sendungen Gottschalks oder Schmidts katapultiert: Kimmo Hakola hatte ihm ein Konzert auf den Leib geschrieben, das alle Erfordernisse eines klassischen Virtuosenstückes aufwies, aber ebenso Hüftschwung und Tanzschritte fordert. Und natürlich den einen finnischen Tango bietet, der – die Anrainer der Ostsee gelten nun mal als melancholisch – am Ende zum todtraurigen Tombeau wurde.

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