Kultur : Schlafsäcke zu höherem Zwecke

PERFORMANCE

Peter Laudenbach

Das Hebbel Theater hat sich in eine Höhle verwandelt. Die Sitzreihen sind entfernt, der Boden wurde mit weißem Kunststoff ausgelegt, an den Wänden ist allerlei Gekrakel zu lesen. Traumverlorene Gestalten schlurfen durchs Foyer, andere dämmern dem Ende ihrer 100-stündigen Performance entgegen: Seit Donnerstag wird hier eine Belagerung Bartleby zelebriert, die ihr Ende sonntags um Mitternacht findet, ein etwas muffiges Spät-Hippie-Dösen mit gelegentlichen Besuchen diverser Theorie-Lieferanten.

Nichtstun als Lebenskunst, so etwa dürfte die Verbindung zwischen den Berliner Performance-Schlafsäcken und dem New Yorker Büroschreiber Bartleby aus einer Erzählung Hermann Melvilles aussehen: Bartleby begnügt sich nicht mit einem harmlosen Büroschlaf. Auf alle Aufforderungen seines Chefs, zu arbeiten oder wenigstens das Büro am Feierabend zu verlassen, antwortet Bartleby mit einer Formel, an der weitere Kommunikationsversuche abprallen: „Ich möchte lieber nicht.“ Wie dieser Held des stoischen Nichtstuns sich in die eigene autistische Existenz eingräbt, kuscheln sich die HAU-Performer vier Tage in ihre Schlafsäcke und lassen das Theater Theater sein.

Weil das zwar irgendwie konsequent, aber auf Dauer auch recht öde ist, wird im benachbarten HAU 2 die theoretische Begleitmusik samt kleiner Theater-Aktiönchen geliefert. Bedauerlicherweise ist das über weite Strecken so konfus, überambitioniert oder einfach peinlich, dass sich der arme Theaterzuschauer in seinem unbequemen Sitz sehnlichst einen Schlafsack wünscht. Der Freitag gehört den linksradikalen Wirrköpfen. Da Bartleby in einer Anwaltskanzlei in der Wallstreet angestellt ist, wurde der apathische Gesellschaftsverweigerer in den letzten Jahren von den Globalisierungsgegnern entdeckt: Bartleby als Held des Widerstands, einer aus der legendären „Multitude“, von der zwar keiner so recht weiß, was sie bedeuten soll, die aber gerade deshalb immer gerne erwähnt wird, wenn eine delirierende Systemkritik Urständ feiert.

Zu welch bizarren Gedankengängen diese Okkupation einer literarischen Figur anregen kann, führte Günther Jacob vor. Aus der Tatsache, dass an der Wallstreet mit Geld spekuliert wird, folgerte er messerscharf, dass bei den Globalisierungsgegnern und Bartleby-Fans latenter Antisemitismus gärt – schließlich haben die Nazis gegen „jüdische Spekulanten“ gehetzt. Eine andere Variante linksradikaler Konfusion bot ein Diskussionsredner, der in Melvilles Erzählung eine Polemik gegen den „paternalistischen Wohlfahrtsstaat“ zu entdecken glaubte.

Es war Thomas Kapielski vorbehalten, den gesunden Menschenverstand und die gute Laune des Theaterbesuchers zu retten. Nach einem kurzen, genervten Seufzer über seine Vorredner erklärte er in einem Lichtbildvortrag den Zusammenhang von Welt, Bartleby, Küchenhaken und der Askese-Ecke („weniger Fernsehen“).

Am Samstag gab es eine Performance mit einem von der Decke baumelnden, wirres Zeug redenden Künstler und einem krähenden Kind, eine Diskussion mit Kaspar König und dem Choreografen Jerome Bel und allerlei mehr oder weniger amateurhaftes Theater. Gute Nacht.

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