Kultur : Schlag bei jungen Kerlen

JAN GYMPEL

Irgendetwas haben die Schwulen falsch gemacht.Auch sie sind von den Nazis verfolgt worden, auch sie haben einen wesentlichen Beitrag zur Kultur und erst recht zur Weltstadtwerdung Berlins geleistet.Doch ihnen baut der Senat kein schönes Museum und finanziert dann auch noch dessen Betrieb.Stattdessen ist das Schwule Museum noch immer in einem Kreuzberger Hinterhaus untergebracht, verfügt über eine eher karge Ausstellungsfläche und muß seine Aktivitäten durch ehrenamtlichen Einsatz, Sponsoren und einen recht happigen Eintrittspreis bestreiten.

So auch im Falle des neuesten Beitrages zur Reihe "Lebensgeschichte": An Hand der Biographien betagter Homosexueller will der Historiker Andreas Sternweiler nachzeichnen, wie sich Schwule im Deutschland dieses Jahrhunderts einrichteten.Augenscheinlich hervorragend ist dies dem jetzt portraitierten Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer gelungen.Mit Photos und Dokumenten aus seinem Privatarchiv wird der Werdegang des 1908 Geborenen gezeigt, ergänzt durch Kunstwerke von Corinth, Heiliger, Heldt, Gilles oder Blumenthal, die sich freilich fast ausschließlich um ein einziges Sujet drehen: junge, knabenhafte Männer.

Über Isermeyers berufliche Meriten erfährt man recht wenig.Um so ausgiebiger wird dafür das fröhliche Sexualleben des Großbürgersohns, der während und kurz nach der Nazizeit einige Jahre in Berlin verbrachte und seit 1948 in Hamburg lebt, dargestellt: Von den ersten Internatslieben an scheint er einen tollen Schlag bei gleichbleibend jungen Kerlen gehabt zu haben, ging mit seiner Homosexualität ziemlich offen und selbstverständlich um.Noch heute verfügt er nach eigener Aussage über ein erfülltes Sexleben.Solch beneidenswerter Lebenslauf sei ihm natürlich vergönnt, doch erweist sich angesichts seiner das Konzept der Ausstellung als untauglich: Durch die Beschränkung auf O-Töne des Portraitierten fehlt ein Kommentar, der das Individuelle etwas relativiert und verdeutlicht, daß Isermeyer wohl eher zu den glücklichen Ausnahmen zählte als typisch für seine Generation war.

Von der vielbeschworenen sexuellen Repression früherer Zeiten ist in der Schau jedenfalls nicht viel zu spüren: Dann und wann wurden Lehrer entlassen, die mit Schülern angebandelt hatten (das wäre im heterosexuellen Fall nicht anders gewesen), ein Bekannter Isermeyers nahm sich 1938 angesichts einer Erpressung das Leben - doch selbst der Nazi-Terror scheint vor allem jene getroffen zu haben, die sich etwas ungeschickt anstellten oder schlichtweg Pech hatten.Isermeyer hatte Glück und trotz der "äußersten Vorsicht", die damals geboten gewesen sei, als Soldat eine Affäre am Westwall, dann in Neapel, in Nordafrika, auf einem Blockadebrecher und schließlich auch in kanadischer Gefangenschaft, wo es sogar eine schwule Lagerbaracke gegeben haben soll - nicht zwecks Ausgrenzung, sondern zur Steigerung des Vergnügens.Isermeyer gehörte auch zu den Motoren einer Petition, die in den frühen sechziger Jahren den Bundestag zur Abschaffung des Paragraphen 175 aufrief (die von vielen Prominenten unterstützte Eingabe wird ausführlich dokumentiert), doch daß schwuler Sex noch bis 1969 strafbar war, wirkt angesichts all dessen fast als nur kleiner Wermutstropfen für eine ohnehin recht muntere Szene.

Schwules Museum, Mehringdamm 61, bis 3.Januar.Mittwochs bis sonntags 14 - 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr.Eintritt 7 DM, ermäßigt 4 DM.Begleitbuch 32 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben