Kultur : Schlag dich frei

Mit dem Kopf durch die Wand: Katharina Wackernagel ist „Die Boxerin“

Christina Tilmann

Sie hat eine breite, runde Stirn. Wie ein Pony. Ähnlich stur. Ähnlich stark. Als wollte sie mit dem Kopf durch die Wand. Wäre für Boxen die Kopfform entscheidend, wäre Joe (Katharina Wackernagel) der Sieg ganz sicher. So kämpft sie sich allein mit dem Mofa gegen den Wind, gehüllt in Parka und Schlabberpullover, und boxt zu Hause heimlich in der Garage gegen den Sack. Die Tussen ihrer Schule, mit rosa Nagellack und Inline-Skates, wollen sie nicht. Die Jungs im Boxclub auch nicht. Zu Hause die Mutter trinkt und verzweifelt, die Schwester streunt herum. Und die beste Freundin Stella ist auf und davon, nach Berlin.

Ein Leben in Rebellion, ein ständiges Anrennen gegen die Wand. Nicht gut für den Job, wenn du einer kritischen Kundin den Wasserkasten auf die Füße knallst und dem Ladenbesitzer die Tür ins Gesicht. Nicht gut für dich selbst, wenn du in der brandenburgischen Provinz aufwächst und nicht weißt, was du sein willst, Frau oder Kerl, stark oder beschützt. Da kann die erste Liebe dran scheitern, auch wenn zunächst alles leicht ging und ihr gleich zusammengezogen seid, ungewohnte Nähe, ungläubiges Staunen, weil er dich toll findet, so stark, so unabhängig. Macht doch nichts, dass du nicht kochen kannst, macht nichts, dass du nicht blond bist und hübsch, solange du weißt, was du willst, nicht an dir zweifelst, selbstbewusst bist.

Das ist das Problem: Joe kämpft mit sich selbst, mindestens so sehr wie mit der Umwelt. Macht es sich schwer und den anderen dazu, und wer sich ihr nähert, mit freundlich ausgestreckter Hand, riskiert schon mal einen Kinnhaken. Das geht dem Freund Mario (Devid Striesow) so, auch der Freundin Stella (Fanny Staffa), die noch einmal zurückkommt, aus Berlin, für einen Sommer, und anfangs ist die Jugendfreundschaft wieder da, mit Musikhören, Tanzen und Schwimmen im See. Sogar ein zärtlicher Versuch – probieren wir doch mal, ob ich nicht lesbisch bin – ist möglich, peinlich zwar, doch trennt die beiden nicht. Selbst Karaoke singt die spröde Joe schließlich und gewinnt beim Wettbewerb. Doch irgendwann ist da wieder die Angst, verlassen zu werden, im Stich gelassen zu sein. Die Freundschaft endet in gefühltem Verrat. Wie die Liebe zu Mario. Wie das Vertrauen in den Boxlehrer. Wie der Vater, bewundertes Vorbild, der irgendwann weg ist, du sprichst zu ihm am Grab, und er antwortet nicht.

Lern, dir zu helfen, weil keiner dir hilft, das sagt sich Joe. Ähnlich geradlinig, ähnlich kraftvoll und eigenständig geht der ganze Film vor, das eindrucksvolle Debüt der dffb-Absolventin Catharina Deus. „Die Boxerin“ konzentriert sich ganz auf seine Hauptdarstellerin Katharina Wackernagel, die so furios und stark agiert: voller Wut, Kraft, Unbedingtheit. Und schön, auf eine dunkle, spröde Art. Immer wieder haut „Die Boxerin“ auch dem Zuschauer eine rein: Wenn Joe wieder Angst kriegt, einknickt, nachgibt, klein wird.

Anders als Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“, der zur fast gleichen Zeit entstand, ist das keine Erfolgsgeschichte, keine Geschichte einer Boxerin, die mit traumwandlerischer Sicherheit durch jeden Kampf geht. Sondern eher eine Geschichte des Scheiterns: Immer wieder steckt Joe ein, duckt sich weg, bricht zusammen. Der erste Sieg schließlich ist eher ein Triumph über alle Verletzungen. Durchhalten, nicht aufgeben, darum geht es. Da endlich versteht man, warum Joe boxt.

In Berlin in den Kinos Eiszeit und Kali, ab 9. 2. auch im Blow Up

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