Kultur : Schlag nach bei Shakespeare

ABSCHLUSSGALA Bärenlese ohne Biss.

von

Bär in Gefahr! Vittorio Taviani hat gerade zur Dankesrede angesetzt, beginnt lebhaft mit der linken Hand zu gestikulieren, kommt der Trophäe bedenklich nahe. Aber er und sein Bruder sind ein eingespieltes Team, rasch greift Paolo zu, sichert die Figur. Muss ja nicht sein, dass ihr Goldener Bär schon am Tag der Verleihung Blessuren erleidet. Und so kommt doch noch etwas Temperament in die Veranstaltung. Wurde ja auch Zeit.

Seltsam: Da haben sich Filmmenschen monate-, jahrelang angestrengt, sind mit ihrem Werk zum Festival eingeladen worden, werden sogar prämiert – und scheinen sich dann kaum zu freuen, registrieren mit unbewegter Miene, wenn ihr Name fällt, ringen sich nur eine stereotype Dankesrede ab, als sei das lästige Pflicht. Nun gut, der eine oder andere hatte sich vielleicht mehr erhofft, Gold statt Silber etwa, man sieht es manchem an, Kameras sind gnadenlos.

Da hat man auf der Berlinale schon ganz anderes erlebt, aufschäumende Emotionen, Ergriffenheit. Die gibt es zum Glück im Laufe des Abends dann auch, aber die 1600 Gäste im Saal und die Zuschauer vor den Bildschirmen zu Hause müssen lange warten und sich mit den – ebenfalls dünn gesäten – Späßchen von Moderatorin Anke Engelke und Festivalchef Dieter Kosslick begnügen, etwa einer Bollywood-Tanzeinlage zur Erinnerung an Shah Rukh Khans beim Filmfest vorgeführte Turn- und Tanzkünste. Oder sie dürfen Ehrengast Sir Ken Adam beklatschen, nicht nur für Engelke der „Gott der Set-Designer“, eine Legende mit Kubrick- und 007-Erfahrung. Aber lieber hätte man doch mehr Ausbrüche erlebt wie den von Rachel Mwanza („Rebelle“) bei ihrem Dank für den Silberbären als beste Schauspielerin: „Merci! Merci beaucoup! Merci, merci! Thank you!“

Den Gebrüdern Taviani gönnt das Publikum den Bären wohl schon wegen ihrer offensichtlichen Rührung. Besonders die Harmonie, mit der die Entscheidung getroffen wurde, habe sie gefreut, sagt Paolo: „Wir hoffen, dass die Zuschauer, wenn sie nach Hause gehen, sagen können, dass auch ein Häftling, auf dem eine große Strafe lastet, wie Lebenslänglich, ein Mensch ist und bleibt.“ Dank der Worte Shakespeares sei es den Häftlingen für kurze Zeit möglich gewesen, wieder neu zu leben. „Das waren nur wenige Tage, aber verbunden mit großer Leidenschaft. Wir grüßen sie in diesem Augenblick.“ So rattert er eine Reihe von Namen herunter, Grüße aus dem Berlinale-Palast in den Hochsicherheitstrakt der Strafanstalt Rebibbia in Rom. Hat man hier auch nicht alle Tage. Andreas Conrad

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben