Schlagabtausch : Günter Grass und Hermann Kant im Duell

Ost und West auf Kollisionskurs: So offen, so erhellend unversöhnlich wie am Sonntagabend im Berliner Ensemble ist in 20 Jahren Nachwendezeit selten über die DDR und die Bundesrepublik gesprochen worden.

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Die Schriftsteller Günter Grass und Hermann Kant lieferten sich einen knapp einstündigen Schlagabtausch, nach einer Lesung aus Kai Schlüters Buch „Günter Grass im Visier – Die Stasi-Akte“. Moderiert von Verleger Christoph Links, zunächst nicht öffentlich, aber von Radio Bremen und dem Saarländischen Rundfunk aufgezeichnet, ist das Duell nun nachzuhören, zum Beispiel als Podcast auf der Website von Radio Bremen.

Grass attackiert, Kant wehrt ab und schilt Grass für seine „missionarische Ader“ sowie sein „konspiratives Gehabe“. Sie sagen „Mein Lieber“ zueinander, erinnern daran, dass es in den Sechzigern „mit Krach zwischen uns losging“, lassen aber scharfe Worte folgen. Wobei es weniger um Kants Stasi-Verstrickung geht als um seine Zeit als Präsident des Schriftstellerverbands (den Spitzel-Vorwurf pariert Kant, indem er alles Aktenkundige zur „Wiedergabe einer Befragung“ erklärt). „Ich mache Sie mitverantwortlich für den schmählichen Niedergang der DDR und für das Zerrbild von Sozialismus, das Sie hinterlassen haben durch Ihre Art, wie Sie den Schriftstellerverband geführt haben“, wettert Grass, erregt sich über den Ausschluss von Stefan Heym, Erich Loest oder Jurek Becker 1979, über Kants „miserable Verantwortungswahrnehmung“, nachdem so viele gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung protestiert hatten.

Der Literaturnobelpreisträger lässt nicht locker. Nicht, als Kant darauf verweist, er habe doch im „Neuen Deutschland“ geschrieben, man müsse ihn nicht vor Biermann beschützen. Auch nicht, als Kant beteuert, er habe den Verband vor dem Verbot retten müssen. In Polen, kontert Grass, sei der Schriftstellerverband tatsächlich aufgelöst worden, die Kollegen dort hätten Zivilcourage bewiesen und sich im Untergrund neu organisiert. Kant bleibt dabei: Er hat vielleicht gesündigt, schuldig ist er nicht. Nur qua Autorität seines Amts habe er zur Haftentlassung von Frank-Wolf Matthies oder Lutz Rathenow beitragen können.

Zwei Dinosaurier der Nachkriegsliteratur, 82 und 83 Jahre alt, beide Luchterhand-Veteranen, leidenschaftlich miteinander im Clinch: Das Gespräch eröffnet keine neue Debatte, aber es macht deutlich, wie wenig vergangen die Vergangenheit auch in diesem Fall ist. Die Wunde Ost-West, sie verheilt nicht.

Gegen Ende verhakeln sich die beiden in Sachen Friedensgespräche Anfang der 80er Jahre. Kant sagt, es kam nie zu einer gemeinsamen Petition, weil Grass mit eigenen Vorschlägen auftrumpfen wollte. Grass sagt, er habe keine unverbindlichen Appelle formulieren, sondern beides deutlich ansprechen wollen, die Pershings und die SS 20. Ross und Reiter nennen, das ist den Kombattanten für diesmal gelungen. Zur Abrüstung trägt das zwar nicht bei, aber ohne Deutungskrieg ist die historische Wahrheit nun mal nicht zu haben.

Und die Utopie? Mehrfach verweist Grass auf Kants Beschädigung des Sozialismus, aus der „die andere Seite bis heute ihren Nutzen zieht“. Den Traum vom besseren Sozialismus, Grass träumt ihn immer noch. Christiane Peitz

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