Kultur : Schlagkraft

Bald Chef: Tugan Sokhiev und das DSO mit „Sacre“

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Sein Schulterzucken ist legendär, der Ganzkörper-Einsatz, das roboterhaft energische Dirigat: volle Schlagkraft voraus – und Strawinskys „Sacre“ erklingt als zu Klang geschichteter Krach, mit hohem metallischem Anteil. Ein Kontrollfreak der Ekstase, der Temporückungen und dynamischen Schockmomente, das ist Tugan Sokhiev, designierter Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO), bei seinem „kleinen“ Amtsantritt am Freitag in der Philharmonie. Mehr Russisches, mehr Slawisches, kühler Kopf, hitziges Herzblut: Der Kurs ist klar. Das erste Konzert seit seiner Vertragsunterzeichnung hat außerdem Bartók und Berlioz auf dem Programm. Überhaupt dirigiert Sokhiev in Berlin gern Schostakowitsch und Rachmaninow, als er vor einem Jahr das erste DSO-Konzert nach den ROC-Orchesterfusionsgerüchten leitete, vertrieb er die dicke Luft mit Tschaikowskys Fünfter. Beim Gastspiel des Philharmonia Orchestra vor wenigen Tagen gab’s dessen Vierte. Bis zum Amtsantritt 2012 wird der 33-jährige Ossete drei weitere DSO-Konzerte bestreiten, aber schon jetzt mischt der Neue mit, bei Probespielen und der Programmplanung.

Berlioz’ Ouvertüre „Der römische Karneval“ gibt die Gangart vor: Mit Sokhiev tritt das DSO frecher auf als mit Ingo Metzmacher, der im Frühjahr das Handtuch geworfen hatte. Der polnische Pianist Piotr Anderszewski sorgt bei Bartóks Drittem Klavierkonzert für unerhörte Feinheiten, wenn er seinen impressionistischen Anschlag und die mozartisch perlenden Läufe wie von Zauberhand in eherne Schicksalsmusik umschlagen lässt. Das Adagio religioso: eine poetische Manifestation. Und Sokhiev frömmelt nicht, beschwört nichts, macht Tempo.

Das Orchester und sein künftiger Chef verstehen sich prächtig. Die scharfen Akzente bei Bartók, das Unerbittliche, das sich bei Strawinsky ins Monströse auswächst, jeder Paukenschlag ein Terrorakt und der „Tanz der Erde“ ein Vernichtungsfeldzug – die Musiker mögen so viel Verve. Nur der Klageton, die Jenseits-Momente haben in diesem „Sacre“ wenig Chancen. Das geistig Beseelte, die analytische Durchdringung, das der Musik innewohnende Mysterium, das Sokhievs Vorgänger Nagano und Metzmacher unentwegt aufzuspüren suchten, es ist Sokhievs Sache nicht. Noch nicht. Der Abend, ein Versprechen. Christiane Peitz

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