Kultur : Schlagseite in Richtung Baupalette

KNUT EBELING

Über die Kunst der neunziger Jahre ist viel verhandelt worden.Anfang der Dekade sprach man über Kontexte und Interdisziplinarität, dann begeisterte man sich für junge englische oder skandinavische Kunst, und schließlich endete der Kunstbetrieb am Plattenteller der DJ-Culture.Unter dem geschäftigen Geklimper aus der Diskurskiste schien niemand zu bemerken, daß die Neunziger langsam verstrichen.Nun, wo sie fast vorbei sind, macht sich plötzlich ein Bedürfnis nach Historisierung bemerkbar.Eine Historisierung des Zeitgenössischen ist bei allen Andockungsversuchen der Kunst der neunziger Jahre weitgehend ausgeblieben.Allenfalls Catherine Davids documenta X versuchte sich in der filigranen Kunst des historischen Fädenziehens und verschwisterte die Jungkunst mit der Altkunst.

Das Feld ist also bereitet für die kunsthistorische Ausschlachtung der Gegenwart, an der sich derzeit zwei Ausstellungen versuchen: die hochkarätig besetzte Ausstellung "minimal/maximal" im Neuen Museum Weserburg in Bremen und die zurückhaltendere Schau "minimalisms" in der Berliner Akademie der Künste.Beide sehen die Wurzeln vieler zeitgenössischer Künstler in der amerikanischen Minimal-Art der sechziger Jahre.Doch während die Bremer Ausstellung den jüngeren Zeitgenossen die Vätergeneration mit Arbeiten von Carl Andre, Sol LeWitt, Donald Judd oder Robert Morris zur Seite stellt, ist diese Traditionslinie in Berlin gekappt worden; hier sind die Vorväter allein geistig präsent und die Erben - die teilweise dieselben sind wie in Bremen - irren als Waisen umher.

Wenn eine Kontinuität zwischen Gestern und Heute in Berlin auch bei knappen Geldmitteln und kargen Sammlungen dennoch spürbar ist, so ist dies der sensiblen Ausstellungsdramaturgie der Kuratorin Nina Möntmann zu verdanken.Diese Kontinuität kommt zustande, selbst wenn die Künstler heute die edle Aura minimalistischer Reduktion gegen derbe Workshopästhetik eingetauscht haben.Während die originäre minimalistische Skulptur bisweilen dem Formenvokabular eines Bestattungsinstitutes entliehen schien, weisen zeitgenössische Versionen eine Schlagseite in Richtung Baupalette auf.

Die gesamte Halle 2 am Hanseatenweg hat etwas Baumarkthaftes; das Ungehobelte und Unfertige scheint sagen zu wollen, daß das Projekt des Minimalismus nicht abgeschlossen ist.So strukturieren die beiden bekanntesten Teilnehmer der Ausstellung, Heimo Zobernig und Tobias Rehberger, die Halle in großem Stil mit ausgedienten Vitrinen (Zobernig) oder mit einem neongelben Fußbodenstreifen in Spanplattenoptik (Rehberger).Während Zobernig Räume für mögliche Ausstellungen ausstellt, zimmert Rehberger den Boden für mögliche Objekte: Dispositive des Ausstellens.Auch die anderen Teilnehmer verfahren nach dem Prinzip, dem Raum nicht unbedingt hinzuzufügen, was ihm nicht ohnehin schon angehört.

Diesem Prinzip der Unscheinbarkeit gehorcht beispielsweise die indische Künstlerin Ceal Floyer, wenn sie einen leeren Müllsack in die Ecke stellt, oder auch das Hamburger Künstlerduo Menesi/Rauch, wenn es eine Selbstdarstellungsbroschüre der Akademie der Künste produziert, die ohnehin dort liegen könnte.Um die Ästhetik des Vorgefundenen zu komplettieren, vergißt Heimo Zobernig dann noch ein paar Paneele eines Stellwandsystems im Raum.Während jene Arbeiten sich eher auf die institutionskritische Kunst der siebziger Jahre beziehen, macht "minimalisms" auch Anleihen bei echtem Minimal.Etwa wenn Andrea Rostásy einen Wald aus schlichten Heraklithplatten aufstellt oder Stefan Kern einen Zaun im Viereck zeigt, der nichts umgrenzt.Seine "Koppel" steht entrückt im Zentrum des Ausstellungsraumes: ein Feld voll Leere.Möbliert wird das Ensemble von Leerformen der Kunst durch die "Accessories to an Event" von Dan Peterman, das zeitgleich auch in Bremen zu sehen ist, und von einem hinter Plastikplanen verborgenen Soundsystem von I.N.Kjaer, das betörend hypnotische Laute von sich gibt.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Di-So 12-19 Uhr, Katalog 24,80 Mark.

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