Kultur : Schlagwerk und Höhenflüge

Ultraschall-Festival: Abschluss mit dem DSO.

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Nur das Kratzen der Schlagzeugschlägel auf hölzernen Notenpulten ist noch zu hören. „Schreiben“ nennt Helmut Lachenmann sein 2004 vollendetes Orchesterstück. Gudrun Ensslins Ausspruch „Schreibt auf unsere Haut“, mit der Lachenmanns Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ schließt, gab die Inititalzündung. Und so „schreibt“ der Komponist mit Violinbögen in die Luft, über Griffbrett und Steg, breitet die ganze Palette schabender und kratzender Geräusche aus, lässt Bläser schwer atmen oder erstickte Laute ausstoßen.

Unmöglich, hier die ganze Fülle der Klangerlebnisse zu beschreiben, mit denen das Deutsche Symphonie-Orchester unter dem eindringlichen Dirigat von Lothar Zagrosek das diesjährige „Ultraschall“-Festival von Deutschlandradio Berlin und RBB glanzvoll beschließt. Das Glück, wenn das Geräuschpanorama sich zum vollen Klang entschließt, die Spannung, wenn ein neues Blatt im Katalog neuer Spieltechniken aufgeschlagen wird. Und der Jubel des Publikums im gut besetzten RBB-Sendesaal lässt den Gedanken, dieses Meisterwerk einmal im stinknormalen Abo-Konzert aufzuführen, gar nicht mehr so riskant erscheinen.

Zum „verrückten Flug“ setzt „Al folle volo“ des Scelsi-Experten Nicola Sani an, eine farbige, geschmeidige Partitur, deren schwirrende Violinpassagen beeindrucken. „Kamakala“ von Giacinto Scelsi selbst ist eine vor 1960 datierte Neuentdeckung. Die Uraufführung enthüllt rohe, unbehauene Unisono-Blöcke von Schlagwerk, Blechbläsern und Streichern fast ausschließlich in dunklen Registern, lässt höchstens in minimalen Phasenverschiebungen, die einen Klangraum eröffnen, den Meister künftiger ätherischer Schichtungen erahnen. Dazwischen bezeichnet Hanspeter Kyburz’ „Touché“, ein virtuoser Schlagabtausch von Sopran (Cornelia Horak) und Tenor (Daniel Kirch), eine eher überholte Position musikdramatischen Schaffens, sowohl im Sujet eines Beziehungsstreits als auch in seiner klanglichen Illustration. Dicht und unterhaltsam komponiert ist das allemal.

Mit diesem Abschlusskonzert, welches das DSO nach wie vor einer „Musik der Gegenwart“ engagiert verbunden zeigt, entfaltet sich in nuce die Qualität dieses Festivals. Seine Verdienste um die Schaffung einer Aufführungs- und Hörtradition des Neuen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Auf den „Epilog“ des Rundfunk-Sinfonierorchesters Berlin mit Werken von Leopold Hurt, Manuel Hidalgo und Matthias Spahlinger darf man gespannt sein. Isabel Herzfeld

Epilog am 31.1., 20 Uhr, Haus des Rundfunks, Großer Sendesaal

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