Kultur : Schlange und Kaninchen

Rüdiger Schaper

Ein kleiner „Used-Book-Store“ in einer kleinen amerikanischen Stadt. Das ist an sich schon ein kleines Wunder. Viel Ramsch, obskure esoterische Literatur aus der Zeit, als man die Langhaarigen noch Hippies nannte, Klassiker in zerlesenen Paperback-Ausgaben. Man kauft irgendwas, um den Laden zu unterstützen, oder vielleicht auch, weil sie gute Musik spielen, Grateful Dead usw. Und manchmal geschieht es, dass ein Buch sich einen Leser sucht. Anders kann ich nicht erklären, weshalb ich mit einem angegilbten D.H.Lawrence von dannen ziehe: „The Plumed Serpent“. Ich bin das Kaninchen, das auf die gefiederte Schlange starrt. Der Roman, Mitte der Zwanzigerjahre geschrieben, spielt in Mexiko, wo Lawrence eine Zeitlang lebte. Eine schwierige, wunderschöne Reiselektüre. Lawrence überrascht mit einem angenehmen Antiamerikanismus. Seine Heldin Kate hat die Nase gestrichen voll von Pragmatismus, von technokratischer Vernunft, imperialem Gehabe und Dollar-Ideologie. Dabei macht sich der Brite verdammt wenig Illusionen über den Zustand des mexikanischen „Naturvolks“ und über die Chancen eines Westlers, den Mexikanern nahezukommen. Das artifizielle Christentum ablehnend, sucht Lawrence nach Quetzalcoatl, dem uralten Gott Amerikas, der fliegenden Schlange. Ich will nicht sagen, dass das Buch eine Mexiko-Reise ersetzt. Aber es wirkt wie eine Droge. Ein Traum. Eine Halluzination. – D.H. Lawrence übrigens ist begraben, wo er einmal glücklich war und Amerika herrlich fand: in Taos, New Mexico.

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