Kultur : Schlangenblick

Eine Berliner Performance von Gregor Schneider

Christina Tilmann

Gregor Schneider, der Biennale-Star, macht eine Performance in Berlin. Großes Geheimnis, verraten wird vorab nichts. Auf der Einlasskarte steht 19.01 Uhr als Beginn. Besser, man kommt etwas früher, sagt die Pressefrau. Erfolg: Man steht in der Schlange vor dem Eingang des Magazingebäudes der Staatsoper Unter den Linden und wartet. 18.45, 19.00, 19.01. 19.05. Erste Besucher werden eingelassen, einzeln. 19.20: Die Kollegin weiter vorn geht entnervt, kluge Frau. 19.25: Ein Straßenkünstler entdeckt sein Publikum, jongliert vor den Wartenden. Applaus. 19.30: Immerhin, alle warten demokratisch, es gibt keine Ausnahmen, außer für eine Frau mit Gipsfuß. 19.35 endlich Einlass. Drinnen, im Magazingebäude der Staatsoper: eine Schlange. Man wartet weiter.

Warten ist man bei Schneider gewohnt. Vor dem deutschen Pavillon in Venedig 2003 hat man gewartet, stundenlang. Schneiders „Haus ur“ gewann den Goldenen Löwen. Auch vor der Ausstellung „Weiße Folter“, derzeit in Düsseldorf, wartet man: Die Besucher werden auch dort nur einzeln eingelassen. 19.50: An den Magazintüren steht „Cinderella“, „Freischütz“, „Parsifal“. Jonathan Meese hat hier seine Parsifal-Performance abgehalten, 2005, legendär. Das hier wird keine Legende. 20.15: Ein Ende ist in Sicht. „Rauchen polizeilich verboten“ steht an der Wand, und: „Das Passieren der Türöffnung während des Öffnungs- und Schließungsvorgangs ist verboten“. Einzeln wird man hinter eine Blechwand geführt, der Kartenabreißer grinst, man biegt um die Ecke, tritt ins Freie. 20.20: Die Performance ist beendet. Vor dem Eingang warten noch immer viele, geduldig wie Schafe. Erzählt ihnen keiner, was sie erwartet? Christina Tilmann

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