Kultur : Schlangenfrauen und Viagra

BODO MROZEK

Rotsamtenes Dunkel. Nur die Messinglämpchen an den Tischen glimmen sanft und brechen sich als schimmernder Reflex in Sektkühlern und Karaffen. Das Publikum raschelt und murmelt. Irgendwo hinter dem Vorhang ertönt der schnarrende Bariton eines unverwechselbaren Organs: "Die Lichter sind aus/jetzt kommt keiner mehr raus!"

Kein Zweifel, es ist Max Raabe, der sich hier in Stegreiflyrik versucht. Die knarzende Stimme tremoliert auf einem "R", der Pianist präludiert dramatisch. Crescendo. Spannung. Und nun: Licht! Die Bühne des Wintergartens erstrahlt in gleißender Helligkeit, geblendet kneift man für einen Moment die Augen zusammen. Jetzt: Das Palast Orchester präsentiert sich vor nachtblauem Vorhang, auf dem ein illuminierter Sternenhimmel funkelt.

Die Regie läßt diesen fulminaten Auftakt ein paar Takte wirken, bevor der Conferencier erscheint. Auftritt Max Raabe: Der Sänger schlendert, nein, er schreitet über die Bretter, als wolle er sich betont gemessen von soviel glamouröser Pracht distanzieren. Dann baut er sich kerzengerade vor dem Mikrophon auf und singt das Lied vom Fräulein Erna. So kennt man ihn: ein befrackter Schwiegersohn mit Vatermörderkragen, vom messerscharfen Scheitel bis zum hochglanzpolierten Schuhwerk. Ganz Kunstfigur. Die Kavalierspose ist maßgeschneidert, einzige Keckheit: ein gewagt geschlungenes Einstecktuch in der Brusttasche.

So steif steht Raabe, daß ihn ein Clown im roten Overall wie ein Bügelbrett unter den Arm klemmen und kurzerhand hinter die Bühne tragen kann. Denn sieht Raabe stets aus wie von der Leinwand eines Schwarz-Weiß-Films entsprungen, so geht es ansonsten bunt zu bei seiner ersten Regiearbeit, die er gemeinsam mit Werner Leonard realisiert hat. Der Abend gilt dem internationalen Varieté. Da gibt es die ukrainischen "KGB-Clowns", die bei ihren muskelstarken Pantomimen wenig zart miteinander umgehen, die wieder und wieder als tolpatschige Störenfriede quer über die Bühne toben. Beeindruckend ist die Schwebenummer zweier Berliner Artistinnen, die sich poetisch "Beijaflor", der Kuß der Blume, nennen. Scheinbar schwerelos hangeln sich die zierlichen Akrobatinnen an weißen Tüchern hoch in den Bühnenhimmel, umgarnen einander, frei schwingend, in einem schwindelnd luftigen Tanz, sind mal stoffumweht zur grazilen menschlichen Skulptur verschlungen, um dann wieder in symmetrischer Formation aufs Parkett zu schweben: alles ohne Netz.

Exotisch auch die Kontorsions-Künstlerin Jinny Jessica Jacinto. Die kanadische Künstlerin windet sich als Schlangenfrau über die Bühne, verbiegt die Glieder zu erstaunlichen Figuren und entknotet sich mit tänzerisch anmutiger Eleganz. Nicht minder biegsam ist das französisch-russische Duo Iouvilov. Dessen satanische Partnerakrobatik lebt von raubtierhaften Bewegungen, mit dramatischen Lichteffekten in Szene gesetzt. Den effektgeschwängerten Sphärensound zu mögen, das ist allerdings individuelle Geschmackssache, er will sich wirklich nicht so recht in den Rahmen der Dreißiger-Jahre-Klänge fügen.

Auch die elf geschniegelten Herren und ihre Geigerin (Emily Bowman) geben sich erstaunlich lässig. Angesteckt von soviel Exotik präsentiert sich das korrekte Stehorchester gänzlich ungewohnt: in bunten Hemden! Zwei Knöpfe weit offen! Die sonst so korrekten Musikanten tanzen plötzlich zu den lateinamerikanischen Rhythmen von "Brazil" buchstäblich aus der Reihe, und das ist eigentlich unerhört. Man ist jedoch geneigt, es ihnen zu verzeihen. Denn die große Entdeckung des Abends ist das Palast Orchester als Cover-Kapelle. Plötzlich ertönt überraschend das Star-Treck-Thema: das Palast Orchester auf der Suche nach neuen Werken. Mit seiner Grammophonstimme näselt Raabe "Kiss" von Prince und transponiert die Pop-Hymne gekonnt ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit, ebenso wie Grönemeyers Schlager "Männer". Der Schlußakkord, von einem Herren-Trio a capella gesungen, geht in tosendem Applaus unter.

Wem die harmonische Komödie zu gewagt ist, der kann sich an bewährten Rührstücken à la Meysel oder Amberg festhalten, und als Korrektiv zum bunten Treiben bleibt schließlich noch Max Raabe. Der weicht keinen Zoll von seiner Noblesse ab, hebt höchstens mal die Augenbraue und schlägt als einzige Lässigkeit ein Bein im Winkel von 45 Grad vor das andere.

Aus diesem Kontrast bezieht das Programm seine Spannung. Raabes eigene Schlager wie der durchblutungsfördernde "Viagra" oder sein Erfolgsschlager "Kein Schwein ruft mich an" hat er sich für die Zugaben aufgehoben. Zwei dieser Hits will das Premierenpublikum noch unbedingt haben. Dann lockt das Buffet.

Noch bis zum 1. August, Dienstag bis Sonntag im Wintergarten Varieté, Potsdamer Straße 96.

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