Kultur : Schlechte Zeiten, bessere Zeiten

Das Studio Babelsberg wird 90 – und feiert einen Ruhm, der sich nur aus seinen Anfängen speist

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Geburtstag wollen sie heute feiern, 90. Geburtstag, aber allenthalben läutet die Branche dem Jubilar das Totenglöcklein: Das Studio Babelsberg, in dessen Chronik sich die deutschen Narben des 20. Jahrhunderts spiegeln, steckt in seiner vielleicht tiefsten Krise. Zehn Jahre nach seinem beherzten Einstieg ist der französische Mediengigant Vivendi, der das Studio wieder international in Schwung zu bringen suchte, selber ins Trudeln geraten – und es ist durchaus denkbar, dass er sich demnächst von seinem chronisch defizitären deutschen Ableger trennt. Ein neuer Betreiber, der das modernisierte, aber nicht ausgelastete Gelände übernehmen könnte, ist nicht in Sicht. Kommen also die 700 Festgäste, denen man mit Fritz Langs „Metropolis“ einen prototypischen Klassiker aus goldenen Babelsberg-Zeiten vorführt, zu einer vorgezogenen Trauerfeier zusammen?

Auch historisch besteht, wenn wir denn ehrlich sind, zum Jubeln nur bedingt Anlass. Geistige Größe hatte das Studio, das 1912 im Glaspavillon einer Kunstblumenfabrik anfing, nur in den Zwanziger Jahren. Doch bald kamen die Nazis, jagten die Regisseure ins Exil, die das deutsche Kino groß gemacht hatten, und verwandelten die Traumfabrik in eine Albtraumfabrik. In 1000 Filmen ließen sie süßes, giftiges Zeug herstellen für ein Volk, das den Krieg erst wollen und dann ertragen sollte. Dann kamen die Kommunisten und machten die Ufa zur Defa: VEB Fantasiefuttermittelherstellung sozusagen – doch Vorsicht: nicht zuviel Fantasie. Manch waghalsige DDR-Regisseure mochten ihre gesellschaftskritischen Filme vielleicht in Babelsberg produzieren; nachher aber landeten sie immer wieder nicht beim Publikum, sondern im Zensur-Regal.

Und dann? Dann kamen die Kapitalisten. Nostalgiker und Ostalgiker werden – gerade aus Anlass runder Geburtstage, bei denen nichts rund läuft – sagen: Zensur hin, Zensur her, aber wir haben wenigstens noch Filme gedreht! (700 Kinospielfilme waren es in 45 Defa-Jahren, dazu 600 Fernsehfilme.) Stimmt: Babelsberg hat – als Unterhaltungspropagandist zweier deutscher Diktaturen – viele Jahrzehnte lang seinen Zweck erfüllt. Und es hat seine eigene grimmige Ironie, dass die gelenkte Vitalität des Studios ausgerechnet in dem Augenblick zusammenbrach, da die vitalen Kräfte des freien Marktes zu wirken begannen.

Sie wirken bis heute an Babelsberg weitgehend vorbei. Und kein Gegenrezept wirkt. Die französischen Herren haben die neuen Kreativen, die für kurze Zeit von einem (film-)produktiven Studio der Zukunft träumen ließen – auch Volker Schlöndorff gehört dazu, der heute schmerzhaft Bilanz zieht – nach einem Blick in die Bücher bald hinauskomplimentiert. Und sie durch wechselnde „dienstleistungsorientierte“ Manager ersetzt. Geholfen hat es nichts: Das schöne geistige Risiko ist weg, das ökonomische Risiko, sein hässlicher Bruder, ist geblieben. Nicht einmal Kunstblumen produziert Babelsberg heute selbst, da es nichts als ein Datum und einen sehr fern gerückten Mythos zu feiern gibt. Jan Schulz-Ojala

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