Kultur : Schlechtes tun

HANS-JÖRG ROTHER

Brett Spargue wird es nicht gut gehen, wenn man ihn aus dem Gefängnis entläßt. Der Tisch, den er seiner Braut Michelle als Morgengabe mitbringt, verschwindet so schnell aus dem Bild wie der Anflug eines Lächelns aus Bretts Gesicht, nachdem er wieder im Familiennest am westlichen Rand von Sydney angekommen ist. Eine kaum zu zügelnde Wut prägt jede seiner Bewegungen. Die Kamera bleibt immer dicht an diesem Gesicht. Auch das Zucken des Augenlids oder der Mundwinkel bei Bretts Mutter, seinen Brüdern Glenn und Stevie, deren Freundinnen und Sandra, nimmt sie aus nächster Nähe auf. Als ob in den harten Mienen der Grund für die sich rasch steigernde Aggressivität der drei Tunichtgute stünde."The Boys" ist die Adaption eines Bühnenstücks von Gordon Graham, das schon 1988 in Australien mit Erfolg gespielt wurde. Das Theater braucht konzentrierte Schauplätze und lebt vom Dialog der Figuren. In Rowan Woods Debütarbeit von 1998 pressen diese denn auch pausenlos, in Schnitt-Gegenschnitt-Folge, zornige Halbsätze zwischen den Zähnen hervor. "Fuck" mutiert darin zum Taktzeichen der Beschleunigung, vor allem nachdem die geschlagenen oder verprellten Freundinnen den sich in Kampfstimmung hineinredenden Männern das Feld überlassen haben. Da entweicht viel verbale Luft aus der Überdruckkammer, bis am Ende das Sicherheitsventil platzt. Auf welche Weise, kann sich der Zuschauer ausmalen, wenn er das Dreiergespann, Monate später, auf dem neuerlichen Weg in den Gerichtssaal sieht.Die Konzentration der Geschichte zielt auf eine psychische Deformation. Brett beansprucht das Häuschen der Mutter als Herrschaftsort, weil er nur hier stark sein kann, und die Brüder unterwerfen sich dem diktatorischen Anspruch gern, denn draußen haben sie erst recht keinen Halt gefunden. "Wir sind alle Götter", stößt Brett heraus, als die Drogen ihre Wirkung tun und man nachts aufgeladen in einem Auto sitzt, vor dem eine junge Frau ahnungslos auf und ab geht - das Opferlamm. Ein zweites Stichwort lautet "Ruhe und Frieden", die geheime Sehnsucht, die der Amoklauf ausschließt. Als später die Mutter Brett im Gefängnis besucht, kann sie ihre Erschütterung über den verlorenen Sohn kaum noch zurückhalten. "Du mußt sehr einsam sein." Ob das Mitleid durch Bretts harten Gefühlspanzer dringt, steht dahin.Der schon 1998 im Wettbewerb der Berlinale gezeigte Film sammelt und studiert Symptome. Irgendeine Beziehung zwischen dem Binnenklima dieses überhitzten Familienheims, wo fast niemand einer geregelten Arbeit nachgeht, und dem sozialen Umfeld herzustellen, schließt der enge Fokus strikt aus. Viel lieber bastelt die Regie an den Vorausblicken, die den Schicksalen den Stempel des Unausweichlichen aufdrücken. Spätestens in der Hälfte hat Woods Film seine Mittel verbraucht.Trotzdem bleiben die authentischen Gesichter von David Wenham (Brett), John Polson (Glenn), Anthony Hayes (Stevie) in Erinnerung, vielleicht gerade weil auf ihnen kein Erklärungsmuster steht. Die besonders wandlungsfähige Charakterdarstellerin Toni Collette als Michelle, Jeanette Cronin als Jackie und Anna Lise als schwangere, vom Entsetzen gepackte Nola bringen in diesem neuen Beispiel von Männlichkeitswahn die Opfer ins Spiel.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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