Kultur : Schleefes Bruder

Robert Wilson forscht im Palast der Republik

Kerstin Decker

Am Palast der Republik sind Segel gespannt; die Ruine könnte einfach wegfliegen. Es wäre die einfachste Lösung. Wer tiefer hineingeht, und das tun bemerkenswert viele an diesem Berliner 30-Grad- Sonntagmittag, ist in einem Bunker. Nackte Stahlträger und Beton – etwas Unterirdisches hat das schon. Hier will Robert Wilson über Einar Schleef reden. Der Mann aus Waco, Texas, USA, über den Mann aus Sangerhausen, Thüringen, DDR. Der eine geboren 1941, der andere 1944. Eine Lecture zu dritt ist angekündigt: „Wilson/Schleef/Palast“.

Was weiß ein Texaner über einen Thüringer? Der Wacoer hat den Sangerhausener einmal im Leben getroffen. Das Gewitter der Nacht steht noch in großen Lachen auf dem Boden, als Wilson ans Pult tritt, grundseriös, die Haare professoral gelichtet. „For age“, beginnt Wilson. Er dehnt das Wort in alle Himmelsrichtungen, in alle Höhen und Tiefen, so dass man sofort aufhört, auf die Fortsetzung des Satzes zu warten. Professoren klingen anders. Man lernt augenblicklich: Sprache ist eine Frage des Raumes, nicht eine der Zeit. Zeit hat man. Richard Wagner, Einar Schleef und Robert Wilson wissen das. Wilson misst den Raum der Wörter aus. Unterwegs klingt er wie ein Unentschieden zwischen rostiger Tür und wieherndem Pferd. Und man spürt, was man bei Vorlesungen sonst fast nie merkt: dass die meinende Sprache vielleicht nur ein Spezialfall der Sprache sein könnte.

Wilson beherrscht das nobelste Englisch ebenso wie sämtliche Dialekte der Gegenstände. Wahrscheinlich sind diese Sprachen ihm sogar wichtiger. Sollte er das mit Schleef gemein haben? Ein Kritikpunkt an Schleef-Inszenierungen war immer, das man nichts versteht. Insbesondere Autoren machten sich auf die vergebliche Suche nach den Worten ihrer eigenen Stücke. Schleef löste sie auf. Oder er ließ sie so oft wiederholen, dass sie von selbst zerfielen. Wilson muss in Schleef einen mit kongenialem Sprachverständnis entdeckt haben. Ungefähr nach fünf Minuten fällt zum ersten Mal das Wort „my colleague“. Schleef? Viel direkter wird Wilson nicht, obwohl er auch den Namen Schleef auflösen kann in wiehernde Türen. Doch, etwas sagt er noch: dass Schleefs Werk „einzigartig, vollständig, experimentell und körperlich“ war. Ja, ist das seine nicht auch einzigartig, vollständig, experimentell und körperlich?

Vielleicht muss man nur das Wort „vollständig“ erklären. Jeder Regisseur inszeniert durch alle Stücke hindurch immer wieder dasselbe Stück, aber nur bei wenigen merkt – merkte – man das so genau wie bei Wilson und Schleef. Hier spricht ein Bruder über einen Bruder. Es handelt sich um eine Art Kommunion. Und nur Unverbundene reden, wenn sie über den anderen etwas sagen, über den anderen. Wilson hat das nicht nötig: er spricht über sich. Über seine Anfänge. Wie er merkte, dass die Körper denken können. Und dann fällt der Satz, der Wilson vielleicht genauso erklärt wie Schleef: Körper lügen nicht.

Ist die Sprache der Körper nicht die eigentliche Sprache des Theaters? Überall in der Welt weiß man das noch, nur Europa hat es vergessen. Wilson erzählt, wie er einen 13-jährigen, tauben Afroamerikaner fand, den alle für vollkommen bildungsunfähig hielten. Nur Wilson nicht, der selbst ein verhaltens- und sprachgestörtes texanisches Kind gewesen ist. (Wer der junge Einar Schleef war, erfährt man aus dessen Tagebüchern.) Der schwarze, taube Junge kann lachen, also ist er intelligent, dachte Wilson. Und mit ihm begann das Wilsonsche Theater: ein Theater aus Körpern, die denken und hören können. Körpern, die sprechen können. Man muss die Sprache, die in den Körpern ist, nur herauslassen. So macht es Wilson, so machte es Schleef.

Wilson bleibt sehr lange bei dem schwarzen Jungen. Und spricht zugleich über zwei andere Jungen: Robert und Einar. Er spricht auch über seine texanische Großmutter, die er Anfang der Siebziger aus Paris anrief: Ob sie nicht herkommen wolle und die Queen Victoria spielen in seinem Stück „Letters to Queen Victoria“? Natürlich, sagte die Großmutter und sagte dieselben Sätze, die sie auch als texanische Großmutter immer sagt („Ich nehme neun Pillen am Tag“) und war doch die Queen Victoria.

Wer Wilson in der Rolle seiner Großmutter sieht, begreift, warum Wilson nicht nur die Ausstattung seiner Stücke selber macht, sondern in „Hamlet"“ gleich alle Rollen übernahm. Schleef ging irgendwann auch dazu über, selbst aufzutreten. Schon weil der Schauspieler Schleef die Anweisungen des Regisseurs Schleef natürlich am besten verstand.

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