Kultur : Schleppend

HAU: Das Tanzfestival „Move Berlim“ ist eröffnet

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Berlin heißt wieder Berlim! Das Tanzfestival „Brasil Move Berlim“, das 2003 von Wagner Carvalho und Björn Dirk Schlüter aus der Taufe gehoben wurde, hat sich mittlerweile etabliert. Denn auch beim fünften „Move Berlim“ kann man noch Entdeckungen machen. Dieses Mal kommen die Choreografen vor allem aus dem Nordosten des Landes: In seiner Eröffnungsrede lobte Schlüter den Kollektivgeist der Brasilianer, die Energie der Gruppe. Das ließ die Berliner mit ihrem übersteigerten Individualismus aufhorchen.

Eröffnet wurde das Festival wie schon 2009 von Marcelo Evelin, der in Teresina mit jungen Leuten eine neue Bewegung ins Leben gerufen hat. „Matadouro“ (Schlachthof) bildet den Abschluss einer Trilogie, die auf dem Roman „Krieg im Sertão“ basiert. Der Kampf um die Stadt Canudos ist ein Trauma der brasilianischen Geschichte. Ehemals versklavte Schwarze und andere Ausgestoßene hatten dort zum Ende des 19. Jahrhunderts einen Ort ohne Rassen- und Klassenschranken aufgebaut. Nach mehreren Strafexpeditionen der Armee wurden alle massakriert.

Den Kampf um Canudos bezieht Evelin auf seine Situation als Künstler. Die politischen Bezüge werden freilich nicht deutlich. Evelin zeichnet auch keine Utopie wie Zé Celso und sein Teatro Oficina beim Gastspiel in der Volksbühne. Er setzt auf beinharten Konzepttanz. Acht Tänzer stehen mit dem Gesicht zur Wand. Sie streifen ihre Kleider ab, setzen groteske Masken auf. Hunde bellen, Messer werden gewetzt, ein Mann schlägt die Trommel. Zu Schuberts Streichquintett in C-Dur setzen sich die nackten Tänzer zögernd in Bewegung. Sie laufen Runde um Runde, bis der Schweiß fließt und die Schritte schleppend werden. Manchmal sind auch übermütige kleine Laufvariationen zu sehen. Doch durchhalten, zusammenbleiben! Statt Verausgabung – Bühnen-Jogger mit Blei im Turnschuh. Der lange Lauf zu sich selbst: eine lahme Angelegenheit. Sandra Luzina

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