Schlepperoper "Orpheus in der Oberwelt" im HAU 2 : Die Flut der Assoziationen

Was hat der antike Sänger Orpheus mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik an Europas Grenzen zu tun? Das Kollektiv andcompany&Co versucht am HAU 2 eine Antwort - mit „Orpheus in der Oberwelt“.

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Haltloses Hipster-Theater? Szene aus "Orpheus in der Oberwelt".
Haltloses Hipster-Theater? Szene aus "Orpheus in der Oberwelt".Foto: Barbara Braun

Warum sollte man ein Musiktheaterprojekt über Flüchtlingselend und Schlepperwesen am Evros machen, jenem Fluss im antiken Thrakien, der heute, schwer bewacht, die EU-Außengrenze markiert? Vielleicht, weil es sich bei Wut, Scham oder auch Genugtuung darüber, dass Europa zu einem Bollwerk des Wohlstands geworden ist, um starke, aber kollektiv verdrängte Gefühle handelt – und die sind in der Oper ja bekanntlich besonders gut aufgehoben? Vielleicht hatte man auch Lust auf ein spartenübergreifendes Orpheus- Projekt und zwischen dem oft veroperten Mythos und der Flüchtlingsthematik viele reizvolle Verknüpfungspunkte entdeckt. Fand sich Orpheus Leiche nicht im Flusse Evros? Soll er nicht in Ägypten studiert und somit als Immigrant Wissen nach Europa gebracht haben?

Was immer auch das Kollektiv andcompany&Co zur Schlepperoper „Orpheus in der Oberwelt“ angetrieben haben mag – das politische Anliegen droht in der Assoziationsflut unterzugehen. Dabei beginnt es im HAU 2 noch vielversprechend mit einem gekonnt zwischen Elektrosounds, orientalischer Musik und Frühbarock vermittelnden Remix der Toccata aus Monteverdis „Orfeo“. Freundlich stellen sich Schauspieler und Sänger dann als „eure Schlepper“ vor und drängen das Publikum in die Rolle der Flüchtlinge. Doch aus dieser theatralischen Grundspannung folgt nicht viel.

Das Kollektiv verkünstelt sich in immer neuen Assoziationen, die schließlich in flacher Gender-Blödelei („Europa? Warum nicht Euroma?“) enden. Über dem Zwang zu Selbstironisierung und zu verspielter theatralischer Brechung geht erst das Interesse an der Orpheus-Geschichte und schließlich auch an der Schlepperproblematik verloren. Nur das Zitat aus Brechts „Lob des Revolutionärs“ rettet die Produktion davor, vollends zu haltungslosem Hipster-Theater herabzusinken.

wieder am 12. und 13. Oktober 2014

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