Kultur : Schließen wir Theater, schließen wir die Augen

Versuch über Dante, die Jukebox und die Lebensgefahr: Albert Ostermaier wird im Berliner Ensemble mit dem Kleist-Preis geehrt

Peter Laudenbach

Seltsames Bekenntnis in der Kleist-Preis-Rede eines Dichters: „Manchmal komme ich mir vor wie eine Jukebox“. Für Albert Ostmaier, den Lyriker und Dramatiker, der gestern im Berliner Ensemble mit dem renommierten (und mit 20000 Euro dotierten) Kleist-Preis geehrt wurde, war seine Dankesrede kein Grund, feierlich zu werden. Lieber blieb er beim typischen Ostermaier-Sound – ein gleichzeitig persönliches und mit Bildungsgut, Fundstücken aus der Trivialsprache und Zitaten der Popkultur aufgeladenes Sprechen. Ostermaiers Texte sind ein Echoraum, in dem sich eine Zeile von „Nirvana“ mit Brechts Hollywood-Elegien oder einem Halbsatz Adornos kreuzen, bis alles in dem Gedicht „Dante in der Rotlichtbar“ landet.

Der literarische Text als Sound-Archiv, der Dichter als DJ, der die Top 100 der großen Gefühle und die besten Oldies von Brecht bis Ernst Toller virtuos ineinander mischt – und dabei die alten Hits noch einmal auf ganz neue Weise zum Sprechen bringt. Bis etwas wie eine unverkennbar persönliche Sprache entsteht und mit ihr eine ganz eigene Weise, die Gegenwart und die eigenen Verstrickungen in ihr zu fassen. Bei allem souveränen Spiel mit den unterschiedlichsten Referenzebenen behalten Ostermaiers Texte einen Kern an authentischer Erfahrung: Sie arbeiten sich an Realität ab. Das unterscheidet sie von der narzisstisch-autistischen Hippness der Pop-Literatur, den Posen einer illiteraten „Generation Golf“. Diesen Kontrast, der Ostermaiers Kunst von den „Wiederholungsschleifen“ der Zeitgeistschreiber unterscheidet, setzte Günter Blamberger, der Präsident der Kleist-Gesellschaft, ins Zentrum seiner Rede über den preisgekrönten Dichter. Als im besten Sinne „anachronistisch“ erscheinen Blamberger Ostermaiers Texte: Sie platzten „vor Sehnsucht“ und seien „nie blasiert und cool“: „Ostermaier hat soviel Benn in sich, dass er Artist sein will.“

Wie witzig Ostermaiers artistisches Spiel mit der Sprache sein kann, führten drei Schauspieler vor, die ein Gedicht mehrmals und unterteilt wie ein Dramolett lasen: „Glücklich sein, das schaff ich – nie. Ich kann damit leben. Aber frag mich nicht wie.“ Und welche Kaputtheiten und grotesken Zuspitzungen, welche detailgenauen Momentaufnahmen und spöttischen Aperçus in Ostermaiers Theaterstücken Platz haben, demonstrierte Thomas Thieme. Aus dem Text „Erreger“ machte der Schauspieler das Psychogramm eines Leistungsträgers, die Skizze eines depressiven Börsianers. Dessen Lebensbilanz Ostermaiers Spaß am Kalauer verrät: „Nur wenn man seine Rechnungen nicht begleicht, kann man hoffen, im Gedächtnis der Geschäftswelt weiterzuleben.“

Die Eigenart des Kleist-Preises besteht darin, dass nicht eine Jury, sondern ein einzelner Künstler den Preisträger auswählt. In diesem Jahr war Andrea Breth mit dieser Aufgabe betraut. Ihre Laudatio auf Albert Ostermaier hatte etwas von einem persönlichen Brief: Sie erzählte von der offenbar für beide beglückenden Zusammenarbeit an dem Theaterstück „Letzter Aufruf", das Breth am Burgtheater inszeniert hat. Und sie erzählte mit freundlichem Spott vom SMS-Verkehr, mit dem Ostermaier sie auf dem Laufenden hielt: „Die erste Short Message, nicht nur an mich, waren Deine Gedichte.“

Albert Ostermaier verknüpfte in seiner luziden Dankesrede das Nachdenken über Heinrich von Kleist gänzlich uneitel mit dem Nachdenken über – Albert Ostermaier. Die „Einsamkeit im Lärm der Möglichkeiten“ erscheint ihm als „Grundtrauma des Dichters“, die Frage, wie Leben und Dichten zu vereinbaren seien, als unbeantwortbar: „Für Kleist ist das Schreiben eine lebensgefährliche Unternehmung, ohne die er nicht leben kann.“ Literatur als gefährliches Spiel – und Theater als notwendiger Seismograf, ohne den jede Gesellschaft verödet: Theater sammelt Erschütterungen. Schließen wir Theater, schließen wir die Augen.“

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