Schlingensief : Was wird aus seinen Projekten?

Was wird aus den Projekten des Künstlers?

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Die Kulturwelt trauert. Fragen nach Ort und Zeitpunkt der Beerdigung werden wohl erst in den nächsten Tagen beantwortet. Schlingensief wollte im engsten Familienkreis beigesetzt werden, heißt es. Und ein „Theaterfest“ soll es geben, Einzelheiten stehen auch hier noch nicht fest. Statt Blumen wünscht sich die Familie Spenden für das im Bau befindliche Operndorf in Burkina Faso. Seine Biografie „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ schnellte am Samstag auf Platz Eins bei Amazon.

Die musikalischen Proben zur Uraufführung von Jens Joneleits „Metanoia – über das Denken hinaus“ laufen bereits, die szenischen hätten Ende des Monats begonnen. Neben dem Operndorf in Ouagadougou/Burkina Faso und der Kunstbiennale in Venedig ist die Berliner Staatsoper am unmittelbarsten vom Tod Christoph Schlingensiefs betroffen. In wenigen Tagen hätten er und sein Regie-Team die „Metanoia“-Arbeit aufgenommen. Fünf Wochen, um Joneleits Musiktheatererstling nach einem Text von René Pollesch zu realisieren und das Charlottenburger Schillertheater als Ausweichspielstätte der Staatsoper einzuweihen – das scheint knapp kalkuliert zu sein (Premiere am 3. Oktober). Entsprechend weit dürften die konzeptionellen Überlegungen bereits gediehen sein, tröstlicherweise.

Auch wenn aus der Staatsoper an diesem Wochenende nichts Näheres und Konkretes zu erfahren war, so kann als sicher gelten, dass das Premierendatum gehalten wird (schon aus logistisch-praktischen Gründen) und die Aufführung im Geiste Christoph Schlingensiefs stattfindet. Mit Anna-Sophie Mahler wurde von vornherein eine Co-Regisseurin verpflichtet (die Schlingensiefs Arbeit unter anderem in Manaus bei seinem „Fliegenden Holländer“ begleitet hat); zudem garantiert Carl Hegemann, der langjährige Spiritus rector und Kopf der Schlingensiefschen Theaterwelten, als Produktionsdramaturg Authentizität und Treue.

Schon einmal hatte sich das Modell des abwesenden Regisseurs in Berlin wundersam bewährt: 2008 bei Walter Braunfels’ „Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper (die Inszenierung wird am 30. Oktober sowie am 3. und 11. November noch einmal gezeigt). Die Aufführung wurde Kult, selten zuvor waren Kunst- und Überlebenswille eine so existenzielle, ja magnetische Verbindung miteinander eingegangen. Wie stark Christoph Schlingensief vom Krankenbett aus die szenischen Geschicke damals tatsächlich lenkte, wissen nur seine Mitarbeiter; dass sie ihn nun, bei „Metanoia“, nicht mehr fragen können, ist gewiss eine schwere Hypothek. Allerdings dürften sowohl die Verantwortlichen der Staatsoper als auch Schlingensief selbst mit dem ersten Nachdenken über das „Metanoia“-Projekt realistisch genug gewesen sein, auch den Fall der Fälle in Betracht zu ziehen.

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