Schlingensiefs Operndorf : Das Wunder von Remdoogo

Christoph Schlingensief ist seit drei Jahren tot. Aber sein Operndorf lebt. Ein Besuch in seiner Wirklichkeit gewordenen afrikanischen Vision in Burkino Faso.

Sibylle Dahrendorf
Und heute. Unterricht im Operndorf. Fotos: Dahrendorf (2), dpa
Und heute. Unterricht im Operndorf. Fotos: Dahrendorf (2), dpa

Vor drei Jahren, am 21. August 2010, ist Christoph Schlingensief in Berlin gestorben. Aber es gibt Momente, da möchte man das immer noch nicht recht glauben. Ein Jahr nach seinem Tod war er auf der Biennale in Venedig präsent, dann erschien posthum die Autobiografie des Künstlers und im Dezember zeigen die Kunst-Werke in der Auguststraße eine Schlingensief-Retrospektive, die anschließend nach New York geht. Sein größtes Werk aber ist das Operndorf Remdoogo in Burkina Faso, nahe der Hauptstadt Ouagadougou. Die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf hat den charismatischen Künstler oft begleitet. Im letzten Jahr lief ihr Film „Knistern der Zeit. Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso“ in den Kinos. Anfang August war sie wieder in Ouagadougou, hat das Dorf und die Kinder besucht.

Die Regenzeit ist da. Dunkle Wolken tauchen auf. Erst wird es still. Dann kommt der Wind, der den Staub aufwirbelt. Die Bauarbeiter im Operndorf decken schnell Planen über die Wohnmodule. In der Woche vor Ferienbeginn und dem großen Schulfest sollen die ersten Betondecken für die neuen Häuser gegossen werden. Dann prasselt es vom Himmel herunter. Nach kurzer Zeit ist der Regen vorbei. Bäche haben sich gebildet, bahnen sich ihren Weg durch das Dorf. Ein paar Kinder stehen vor ihren Klassen und halten ihre Hände den Regentropfen entgegen, die von den Dachrändern plumpsen. Sie tanzen und lachen, rufen und toben. Vom anderen Ende des Dorfes hört man wieder das energische Schweißen an den Metallträgern. Kinderstimmen vermischen sich mit Baulärm. Das sind schöne Momente.

Christoph Schlingensiefs Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Kunst und Leben eins sind, er lebt. Und das Dorf wächst. Mittlerweile gehen 100 Kinder hier in die Schule. Im Herbst werden die nächsten 50 eingeschult. Die Krankenstation ist fast fertig, neue Häuser entstehen, für Gäste, Lehrer, Ärzte. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, führt seit seinem Tod die Geschäfte. Sie muss entscheiden, wer eingestellt wird, wo gespart und was wann als Nächstes realisiert wird. Die Finanzierung bleibt ein Problem. Sie hat eine Struktur aufgebaut, mit ihrem Team in Berlin und in Burkina Faso, die nicht nur das Bauvorhaben berücksichtigt, sondern künstlerische Programme einbezieht.

Gerade hat die Fotografin Marie Köhler vier Monate im Dorf gelebt, mit den Kindern gearbeitet und ihnen Kameras gegeben. 15 000 Fotos haben sie geknipst, über 100 wurden für eine Ausstellung ausgewählt. Die Kinder waren frei in dem, was sie machen konnten. Neugierig sind sie, als die großformatigen Abzüge endlich im Dorf ankommen, sie kriechen förmlich in ihre Bilder hinein, können gar nicht nah genug rangehen. Wer ist wo drauf? Und warum ist derjenige, der das Foto geschossen hat, gar nicht zu sehen? Wie sieht ein Mund von innen aus? Es sind Porträts, Selbstbetrachtungen aller Art, Nahaufnahmen. Besonders beliebt: Blicke in die Landschaft und das Zuhause. Die Fotos sind in einem wunderbaren Katalog versammelt. Ein Bild, das Marie Köhler auf eine Plane abgezogen hat, zeigt Motive, die sich überlagern: eine Familie, in ihrem Gehöft, mit allen Mitgliedern. „Die Kinder haben entdeckt, dass man den Film auch zurückdrehen kann“, erzählt sie. „Der Film war voll, aber die Familie war noch nicht fertig fotografiert. Dann hat das Kind zurückgespult und von vorne angefangen.“

Davon hat Schlingensief geträumt – dass die Kinder ihre eigenen Bilder machen. In seiner Rede zur Grundsteinlegung im Februar 2010 auf dem brütend heißen Plateau sprach er von den „Heilungskräften der Kunst“: „Remdoogo soll ein Gesamtkunstwerk werden, in dem man lebt und die höchste Kunstform des Zusammenlebens studieren kann.“

Remdoogo bedeutet in Mooré, der Landesprache, so viel wie Bürgersaal oder Treffpunkt. Der Name steht aber auch für das Gebäude, das erst in der dritten Bauphase realisiert werden kann, wenn das Geld zusammengekommen ist – das Festspielhaus. Daran erinnert derzeit nur die Baugrube, die mit Regenwasser vollgelaufen ist. „Das ist unser See, leider kann man nicht darin baden“, lacht Francis Kéré, Architekt des Operndorfs.

Die Baugrube war bereits da, als Christoph Schlingensief im Juni 2010 zum letzten Mal nach Ouagadougou reiste, kurz vor seinem Tod. Da stand nur die Schule in ihren Grundmauern. „Hier eine Schule zu bauen, gehört zu einer notwendigen Infrastruktur, denn das Analphabetentum ist enorm“, sagt Kéré. „Aber diesem Land etwas zu erschaffen, das über das ABC hinausgeht, das ist eine gewaltige Innovation.“ So etwas spricht sich in Burkina Faso herum, könnte eine Art Modellcharakter bekommen, meint er.

Bei unserem Rundgang bemerkt er, dass die „Schnecke“ allmählich sichtbar wird. Das Dorf ist angelegt in einer kreisförmigen Struktur, so wie es ursprünglich gedacht war. Kéré ist unterwegs mit dem Architekten Joachim Böttger aus München, der hier sieben Monate lang die Bauarbeiten betreut hat. Das macht er ehrenamtlich, weil er von dem Projekt überzeugt ist. Christoph Schlingensief hat er nicht mehr kennengelernt.

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