Schlingensiefs Vermächtnis : Im Operndorf stehen die ersten Häuser

Träume sind auch dazu da, verwirklicht zu werden. Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso nimmt Gestalt an.

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Der Anfang ist gemacht. Arbeiter im Operndorf bei Laongo. Foto: Francis Kéré
Der Anfang ist gemacht. Arbeiter im Operndorf bei Laongo. Foto: Francis Kéré

Auf dem Plateau von Laongo, eine Stunde von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt, haben die Arbeiten für den ersten Bauabschnitt Christoph Schlingensiefs Operndorf begonnen. „Es geht weiter“, sagte Aino Laberenz am Dienstag im Berliner Hebbel am Ufer: „Es geht nicht darum, Christoph zu ersetzen, sondern ihn zu bewahren – sein Denken, seinen Zugang zu Afrika.“

Seit Schlingensiefs Tod im August letzten Jahres ist Aino Laberenz mehrmals nach Westafrika gereist, um das Projekt ihres Mannes voranzubringen. Ihr wichtigster Partner ist der Architekt Francis Kéré, der aus Burkina Faso stammt. 2009 wurde er mit dem Aga-Khan-Preis für Architektur ausgezeichnet – für eine Modellschule im Süden Burkina Fasos. Eine Grundschule soll auch der erste Schritt zum Operndorf sein. Bereits im Spätsommer will man Eröffnung feiern, soll die erste Bauphase abgeschlossen sein; die Kosten von rund einer halben Million Euro sind vor allem durch Spenden aufgebracht worden.

Die Operndorf-Enthusiasten sprechen von einer besonderen Schule mit musischem „Mehrwert“. Die Kinder aus der umliegenden Gegend sollen in Film- und Musikklassen arbeiten können. Dafür sind Kooperationen mit Künstlern aus Ouagadougou geplant. Auch wenn die gemeinnützige Operndorf-GmbH in Berlin sitzt – Baufirmen, Baumaterial und Personal kommen aus Burkina Faso. In der zweiten Bauphase sind Sportanlagen, Gästehäuser, ein Restaurant und eine Krankenstation geplant, in der abschließenden Phase soll das Festspielhaus errichtet werden, um dessen Bauplatz herum jetzt schon die ersten Häuser aus Lehm entstehen, mit einer natürlichen Klimatechnik, die Francis Kéré entwickelt hat. Falls es noch Zweifel gab, ob Schlingensiefs Operndorf nicht doch eine Fata Morgana bleibt, hat Kéré sie bei dem Pressegespräch zerstreut: „Das Projekt muss kommen. Ich stehe dahinter.“

Wer Kéré und Schlingensief in Burkina Faso erlebt hat, kennt diese Magie. Die beiden waren ein Traumpaar, ein Kraftwerk, und es ist Aino Laberenz gelungen, diese Energie zu erhalten. Das Operndorf, in dem es eines Tages dann auch Aufführungen und Performances geben soll, hat ein starkes Kuratorium: Amelie Deuflhard, Intendantin auf Kampnagel in Hamburg, Antje Vollmer, die ehemalige Vizepräsidenten des Bundestags, HAU-Chef Matthias Lilienthal und der Anwalt Peter Raue. Die Schirmherrschaft hat Horst Köhler übernommen, Bundespräsident a. D. Seine Stimme gilt in Afrika viel.

Christoph Schlingensief hat das Dorf als „soziale Plastik“ bezeichnet. Da trifft der Geist von Joseph Beuys auf Richard Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk. Schlingensief besaß eine unwahrscheinliche Begabung, Menschen zu begeistern und zusammenzubringen. Diese Aura wirkt über den Tod hinaus. Zum gestrigen Termin, auf den Tag genau ein Jahr nach der Grundsteinlegung, erschienen die Kuratoren geschlossen. Aino Laberenz sagte, sie sei ja immer dabei gewesen, habe aber im Hintergrund gestanden. Jetzt ist sie Geschäftsführerin und wirkt selbstbewusst in ihrer neuen Rolle. Bei solchen Freunden und Mitstreitern kein Wunder. „Der Weg ist gelegt. Wir müssen ihn weitergehen“, erklärt Peter Raue. Im März fliegt er wieder nach Ouagadougou. Gestern begrüßte er Xavier Niodogo, den Botschafter Burkina Fasos, in Berlin. Auch er setzt sich für Schlingensiefs Vermächtnis ein. Das Dorf braucht noch viel Geld. Rüdiger Schaper

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