Kultur : Schloss Babelsberg: Gotisch geht die Welt zugrunde

Michael Zajonz

Hätte diese Frau nur eher beginnen können, ihre Talente einzusetzen, wäre die Geschichte des 20. Jahrhunderts womöglich anders verlaufen. Eine intelligentere und modernere Monarchin hat Preußen nie gesehen. Aber erst 1888 bestieg Kronprinzessin Victoria (1840-1901) an der Seite ihres Mannes den Thron - 30 Jahre nach der Hochzeit. Nach einem Vierteljahrhundert Blut und Eisen, Zuckerbrot und Peitsche war es für liberale Reformen längst zu spät. Der 56-jährige Kronprinz Friedrich Wilhelm - als preußischer König und deutscher Kaiser führte er den Namen Friedrich III. - erlag nach 99 Tagen Regentschaft seinem Krebsleiden. Als erste Amtshandlung nach dem Tod des Vaters ließ der Nachfolger Wilhelm II. das Potsdamer Neue Palais abriegeln, um den Nachlass zu beschlagnahmen und seine Mutter zum Auszug zu bewegen. Familientragödie als Staatsschauspiel: Am bigotten preußischen Hof blieb die älteste Tochter Queen Victorias zeitlebens "die Engländerin" - beargwöhnt, verleumdet, bespitzelt.

Dennoch führt die Ausstellung der preußischen Schlösserstiftung aus Anlass von Victorias 100. Todestags keine Soao Opera mit dem Titel "Fritz und Frauchen" auf. Überdauert haben das soziale Engagement und die künstlerische Kennerschaft der zu politischer Untätigkeit verdammten Kronprinzessin. Über Frauen am Hof schreibt Victoria 1879 ihrem Mann: "Was man sich wünsche, sei ein williges Werkzeug in den Händen der Umgebung, eine Art Kammerfrau, die sich gut anzieht, hübsch aussieht, mit jedem ein banales Wort zu sprechen weiß. Nach preußischen Ideen soll eine Frau nichts anders sein als eine Türkin im Harem."

Genügend Anregungen, so sollte man meinen, für die Ausstellung im Schloss Babelsberg, in dem die frisch Vermählten 1858 ihren ersten preußischen Sommer verbrachten. Fehlanzeige: Klein und allzu kleinmütig geriet die Gedenkveranstaltung - und somit keineswegs zur glanzvollen Vertiefung der 1997 im Deutschen Historischen Museum gezeigten Schau "Victoria & Albert. Vicky & The Kaiser". Kuratorin Silke Kiesant musste wegen des geringen Etats fast völlig auf Leihgaben verzichten. Schmerzlich werden die in Schloss Windsor, im Haus Doorn und von der Hessischen Hausstiftung aufbewahrten Zeichnungen und Gemälde der künstlerisch hochbegabten Victoria vermisst. Ganze acht Blätter haben sich in Potsdam erhalten - leider nicht die stärksten. Ein paar in Tischvitrinen versenkte Grafiken, Medaillen und Fotos, Glas und Majolika im zeittypischen Renaissance-Geschmack, einige Möbel, die der Architekt Strack mit Schottenkaro beziehen ließ: ziemlich wenig, wenn es um 43 ereignisreiche Jahre geht.

Der Verein der Berliner Künstlerinnen erweist seiner Gründerin unter dem gelehrten Titel "Arcadia Borussiensis Victoriae" mit einem 20-teiligen Zyklus der Pechstein-Schülerin Rita Preuss seine Reverenz. Die Darstellungen der Berlin-Potsdamer Wohn- und Lieblingsorte Victorias hängen dicht gedrängt im erstmals wieder zugänglichen Speisesaal. Man muss ihre bunte Einfalt und schiere Größe nicht mögen - vor der verstaubten Tudorgotik des Prunkraums fügen sie sich zu einer Installation der besonderen Art. Unversehens wird der Ort zum eigentlichen Victoria-Erlebnis. Schloss Babelsberg, noch von Schinkel begonnen, spiegelt genau jene Gotikbegeisterung des 19. Jahrhunderts, die Victoria aus ihrem Elternhaus kannte. Queen Victoria und Prinzgemahl Albert waren denn auch bei ihrem Besuch 1858 begeistert - trotz mangelhafter sanitärer Standards. Ihr Zuspruch ist nachvollziehbar. Der Babelsberger Havelblick gehört zum Schönsten, was die Potsdamer Kulturlandschaft zu bieten hat - selbst wenn den einst gepflegtesten Rasen Preußens heute Sonnenhungrige und Biertrinker bevölkern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben