Kultur : Schloss-Debatte: Der leere Platz

Walter Beltz

Die Tuilerien, Stätte napoleonischer Herrschaft, wurden nach den Zerstörungen 1871 abgebrochen. Die Gärten erinnern den Parisbesucher an die Stätte französischen Glanzes und Elends, markiert durch die Kaiser Napoleon I. und Kaiser Napoleon III.. In der Pariser Stadtlandschaft fehlt seither das Pendant für den Louvre, jenes Schloss der französischen Könige, das anders als Versailles nie Geburtsstätte europäischer Grossmachtträume war. Eine Revolution machte den Louvre zum Museum, eine andere siedelte in Teilen das Finanzministerium an, eine für bürgerliche Verhältnisse sinnvolle Nutzung, die aber vor wenigen Jahren zu Gunsten der musealen Nutzung auch des Nordflügels aufgegeben wurde. Aber nie kam jemand auf die Idee, die Tuilerien wieder aufzubauen. Eine bewusst wahrgenommene Stadtbrache ist ja keine Schande, nur romantisierender Perfektionismus kaschiert Brachen in der Landschaft.

Vielleicht haben ja viele richtig gesehen, dass die Tuilerien künstlerisch weniger wichtig waren als der Louvre, aber in der Stadtlandschaft fehlt das Gebäude schon. Durch die Parkkulisse der Tuileriengärten wird die architektonische Brache oder Lücke nur kaschiert, nicht wirklich aufgehoben. Daran zu erinnern, scheint mir sinnvoll, weil die Diskussion um die neue Nutzung des Schlossplatzes sich entzündet an der Stadtbrache, die durch den Abbruch des Hohenzollernschlosses 1950 entstanden ist. Ich habe das immer bedauert und mich 1968 mit darum gekümmert, dass die letzten bauplastischen Elemente vom Schloss nicht vom Lagerplatz des VEB Stuck- und Naturstein in Heinersdorf auf eine Schuttkippe gelangten.

Über die künstlerische Bedeutung des Schlossbaues muss ich nicht belehrt werden, und als geborener Mecklenburger hat mich das Abräumen der Mecklenburgischen Kammern, die ja wahrlich nicht zu den Paradestücken des Interieurs gehörten, nicht ganz unberührt gelassen. Aber der preußisch-mecklenburgische Erbfolgevertrag war ja ohnehin mit dem Thronverzicht der Dynasten 1918 gegenstandslos und eine mecklenburgische Wohnung in preußischen Schlössern überflüssig geworden.

Ähnlich wie in Frankreich hatte auch die deutsche Republik "das Schloss zu Cölln an der Spree" schon zum Museum gemacht. Neben dem Kunstgewerbemuseum beherbergte der stattliche Bau auch noch ein Sportmuseum, eine Mensa und Büros. 1943 - 1945 wurde also ein Museum zerbombt, sicherlich ein kunstgeschichtlich wichtiger Bau, dessen von Schlüter gestalteter Schlosshof wichtiger war als die Portale III und IV oder das Eosander-Portal. Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass das Schloss seine städtebauliche Funktion in dem Augenblick verlor, als man die OstWest-Achse über die Linden am Schloss vorbeiführte und mit dem Abbruch des Apothekenflügels den Bau als Kubus wie einen beliebigen Straßenwohnblock zwischen zwei Durchgangsstraßen behandelt hatte. Diese städtebauliche Situation will niemand, so wie ich es sehe, zurückverwandeln.

Antibürgerliche Machtzentrale

Erinnern will ich auch noch an einen anderen, ebenfalls wichtigen Aspekt. Mit dem Schlossbau westlich der Spree verließen die brandenburgischen Kurfürsten ihre berlinische Residenz in der Klosterstraße und bezogen eine beide Städte, Berlin und Cölln, bedrohende Zwingburg, die nachreformatorisch durch Inanspruchnahme des Geländes des Dominikanerklosters ausdehnbar wurde. Das Schlossgelände und der darauf errichtete Bau gehörten zur antibürgerlichen Machtzentrale des Kurfürsten. Nach 1848 gehörte das Schloss nicht mehr zu den bevorzugten Wohnplätzen der preußischen Könige. Ees diente vor allem monarchischer Repräsentanz und diplomatischem Zeremoniell, zu dem auch die jeweilige Eröffnung des Reichstags durch den Kaiser im Weißen Saal gehörte.

Jeder Versuch, dass Schloss wieder zu errichten, wird sich mit der Frage konfrontieren lassen müssen, was rekonstruiert werden soll. Die Forderung nach einer bürgerlichen Lösung wie in Paris vermag ich nirgendwo zu hören, obwohl sie der nach Berlin zurückgekehrten Republik gut anstünde. Besser jedenfalls als eine, die den historischen Aspekt des Platzes negiert und den Verdacht aufkommen lässt, dass die Regierung mit dem Umzug von Bonn nach Berlin auch den letzten Rest des süddeutschen bürgerlichen Liberalismus preisgibt, der seit der ersten Bundespräsidentenschaft von Theodor Heuss diese Republik auszeichnete. Nach allen Regeln und Gesetzen der Systemtheorie, die man kennen konnte, als der Umzugsbeschluss in Bonn gefasst wurde, war klar, welches Erbe die DDR für die deutsche Zukunft verwaltet hatte, das nicht auszuschlagen war.

Lehrmeister Frankreich

Die Stadtbrache gehört Bund und Land. Jede Lösung wird den Geist der Eigentümer verraten, von dem nur klar ist, dass er die DDR-Lösung für diesen Stadtraum ablehnt und eine Lösung wünscht mit der Aussicht, damit den ungeliebten Palast der Republik verschwinden lassen zu können, übrigens ein Gebäude auf diesem Platze, das sich zu DDR-Zeiten uneingeschränkter Zustimmung durch die ostberliner Bevölkerung erfreute, wie sie der Schlossbau nie hat auf sich ziehen können. Die Sommerkonzerte im großen Schlosshof, die in den dreißiger Jahren viele Gäste anzogen, waren in ihrem Programm zugeschnitten auf das Berliner Konzertpublikum, das in seinem Querschnitt nie die Gesamtbevölkerung repräsentierte.

Es spricht mit Einschränkung alles für den Bau eines Museums, wenn man denn schon einen Ersatz für das zerbomte Schlossmuseum haben will. Man könnte die übrig gebliebene Bauplastik auch an diesen Baukörper montieren und böte so einen Übergang von den großen archäologischen Prunkstücken in den Sammlungen der Museen zum Disneyland um die Nikolaikirche. Aber auch diese Lösung folgt nur ästhetischen Vorstellungen und Theorien. Eine politische Lösung wäre es, auf eine Bebauung zu verzichten und die Stadtbrache als ein deutliches Zeichen dafür anzusehen, das Bund und Land sich das Erbe Preußens nicht in allem zu eigen machen wollen.

Die Kunst der Politik muss es möglich machen, dass jedermann begreifen kann, dass man ein Erbe wohl verwalten muss, weil man es nicht ausschlagen kann, aber dass man es sich damit nicht zwangsläufig aneignen und verinnerlichen muss. Die dafür geeignete Sprache ist die Symbolik. Unübertroffener Lehrmeister ist bis heute Frankreich. Die Grande Nation weiß, wie man mit Symbolen umgeht. Zweihundert Jahre war der Platz der Bastille leer. Der leere Platz der Tuilerien ist ein großes Symbol. Damit verglichen ist eine Schlossreplik oder ein Museumsbau immer nur ein ästhetisches Versatzstück. Man kann es überall hinschieben, nachdem die städtebauliche Einmaligkeit des Platzes zerstört worden ist, im Übrigen nicht durch alliierte Bomber, sondern durch Berliner Beamte.

Nehring, Schlüter oder Eosander kann man durch eine kongeniale architektonische Lösung ehren, an jedem Ort in Berlin. Ddas Schloss aber symbolisierte Preußens und das Selbstbewusstsein der Hohenzollern als europäischer Macht. Dafür ist Leere das politische Symbol - zumal in dem Jahr, in dem sich die Krönung in Königsberg zum 300. Male jährt. Es ist ein Symbol, das unmissverständlich und nicht mythisierbar ist und das sich allen Deutungen und Interpretationen, der Lieblingsbeschäftigung von Essayisten und Feuilletonisten, widersetzt, weil es rational ist. Leere ist ein politisch richtiges Symbol auch in der ästhetischen Diskussion um Preußen, das nicht verdient hat, repliziert zu werden.

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