Kultur : Schloss Elmau: Das Geisterhaus

Christoph Amend

Man kann die Art leicht übel nehmen, mit der Dietmar Müller- Elmau einen begrüßt. Groß ist er, ein sportlicher Typ, die halblangen, gepflegten Haare nach hinten geworfen. Ein Rundgang über das Gelände von Schloss Elmau, seinem Schloss Elmau, ist verabredet. Er reicht die Hand, sieht in die andere Richtung und sagt: "Ich weiß gar nicht, was das hier soll." Zwei Minuten später, nach einigen Schritten auf dem Feldweg hinter dem Schloss, lacht er unvermittelt laut auf und sagt ungefragt: "Ich bin ein Egoist!"

Eine merkwürdige Begrüßung. Der Rundgang, so scheint es, wird nicht lange dauern. Doch dann schlägt Dietmar Müller-Elmau den Weg zum Gästehaus ein. Dort befindet sich das Arbeitszimmer seines Großvaters Johannes Müller, der Schloss Elmau vor dem Ersten Weltkrieg bauen ließ, und da fängt der Enkel an zu plaudern. Er erzählt, wie alles begann 1914, wie aus Elmau so etwas wie ein deutscher Mythos wurde mit vielen hellen und manchen dunklen Seiten. Man kann an diesem Schloss die Entwicklung der Deutschen in den letzten beinahe hundert Jahren ablesen: von den Kriegen, den Nazis über die Nachkriegszeit und ihrer Verdrängung bis hin zur Gegenwart. Im vergangenen Jahr hielt der Philosoph Peter Sloterdijk hier seine Elmauer Rede, die wochenlang die Feuilletons beschäftigte und die Diskussion um die Gentechnik vorwegnahm. Nebenbei sorgte sie dafür, dass Elmau wieder ein Begriff ist.

Vom Egoisten auf dem Feldweg ist jetzt nicht mehr viel übrig. Da steht ein jungenhafter Enkel, 45 Jahre alt, der vergnügt erzählt, wie die Sloterdijk-Rede Werbung machte für das Hotel, das zum Schloss gehört, und wie er mit großem Spaß Symposien veranstalte, um in dem alten Gebäude, in dem lange nicht gelüftet wurde, für ein bisschen frische Luft zu sorgen.

Man muss nicht lange in Elmau bleiben, um zu merken, dass die Widersprüchlichkeit des Schlossherrn, seit vier Jahren Pächter und seit dem Rückzug eines Onkels vor einem Monat alleine in der Verantwortung, gut zu diesem Ort passt. Einem Platz, von dem der Stammgast Loriot sagt, dass "der Zauber des Zusammenlebens Elmau mit dem Zauberberg von Thomas Mann verbindet". Man fühlt sich angezogen von diesem Ort und abgestoßen, man ist fasziniert und schaudert manchmal im selben Moment.

Reist man mit der Bahn von München Richtung Innsbruck, werden hinter Garmisch-Partenkirchen die Kurven enger. Die Waggons quietschen, es geht in die Berge, der Wind weht Blätter an die Scheiben, kurz vor der Grenze zu Österreich dann der Haltepunkt Klais. Es geht weiter im Auto über Hügel und durch Wälder, und dann tut sich ein Tal auf, am Fuß des schneebedeckten Wettersteins. Davor Wald und Wiesen, eine glockenbimmelnde Schafsherde, und in der Mitte ein mächtiger, vierstöckiger Bau mit Spitzturm und Seitenflügel. Ein sehr groß geratenes Landhotel, denkt man noch, und schon hält das Auto vor den Säulen am Eingang. Die Schlossallee auf Elmau ist aus Kies.

Die Vorstellung von einem Schloss verwirrt ein wenig, denn mit altem Adel hat Elmau nichts gemein. Gründer Johannes Müller hatte Theologie und Philosophie studiert, kam aus Riesa an der Elbe und hatte das Tal zufällig entdeckt. 1912 kaufte er das Grundstück, eine Geldgeberin zahlte die Bauarbeiten des Architekten Carlo Sattler, die 1916 abgeschlossen wurden. Müller zog sich von Staat und Kirche zurück und entwickelte seine eigenen, heute leicht esoterisch wirkenden Lehren, die man, etwas vereinfachend, als naives positives Denken beschreiben kann. Und wohin hätte man sich besser zurückziehen können als in dieses Niemandsland? Erst 1965 sollte eine von Autos befahrbare Straße zum Schloss gebaut werden, vorher musste man sich mit Kutschen helfen und im Winter mit Schlitten.

Im Abseits der Gesellschaft entwickelte Johannes Müller jene Tradition von Widersprüchen, die sich - auf andere Weise - bis heute gehalten haben. Obwohl Gegner des aufkommenden Antisemitismus, sah er ausgerechnet in Hitler ein großes Glück für Deutschland. Anfang der dreißiger Jahre schrieb er: "Ich bin gegen den Faschismus als ständige Verfassung, aber nicht als Schicksal und Gnade der Vorsehung, wenn sie der Nation einen Führer schenkt." Trotzdem erhielt Müller 1933 Redeverbot, seine Bücher durften nicht mehr verkauft werden. Er blieb mit seinen Anhängern allein im Tal. Das Oberkommando des Heeres verwandelte das Schloss 1942 in eine Erholungsstätte für Fronturlauber. Nach dem Krieg wurde Müller in einem Entnazifizierungs-Verfahren verurteilt. Er starb 1949; zwei Jahre später war das Schloss wieder in Familienbesitz.

Beim Konzert war Applaus verboten

Wie die "Elmauer", wie sie sich nun nannten, mit dem Makel zurechtkamen, dass ihr Vordenker ein Anhänger von Hitler war? Mit einer Flucht: Politik und gesellschaftliche Wirklichkeit wurden verbannt. Man widmete sich der Natur, klassischen Konzerten und dem Tanz. Ein Gemeinschaftsgefühl entstand, denn wer einmal Elmauer war, blieb es meist und kam wieder: Wir halten zusammen, wir lassen uns unser Berg-Idyll nicht kaputtmachen, diese Haltung aus den fünfziger Jahren sollte lange bewahrt werden.

In diese abgeschlossene Welt, in der die Gemeinschaft über allem stand, wurde Dietmar Müller-Elmau hineingeboren. Man muss seinen Satz vom Egoisten wohl eher als verspätete, etwas verkrampfte Rebellion verstehen. "Ich fand es fürchterlich bedrückend", sagt er heute, überall Familie, jeder kennt jeden, von Freiheit keine Spur. Die Mischung aus Hotelbetrieb und Freundeskreis bedeutete, dass Gäste und Familie pünktlich und gleichzeitig mit dem Abendessen im großen Saal begannen, mit fester Tischordnung. Dazu morgendlicher Tanz um halb neun, und abends nach den Konzerten durfte nicht applaudiert werden. Als ob klatschende Hände das Idyll gestört hätten.

Der Angstmacher

Wer ein paar Tage in Elmau verbringt, wird ständig daran erinnert, dass man hier eigentlich die moderne Welt draußen lassen will. Jeden Morgen hängt am Hotelzimmer ein Zettel mit "Tagesinformationen". Um 8 Uhr beginnt die "geführte Bergtour", um 10 Uhr 15 die "Genießer-Radtour", und ein Hinweis auf der Rückseite zeigt den Grad der Abschottung, die hier noch immer gepflegt wird: "Tagesschau-Fernsehnachrichten um 20 Uhr im Literatursaal". Denn in den Zimmern stehen bis heute keine Fernseher, Handys haben kaum Empfang - zu modern. Und einmal, beim Essen, erzählen drei ältere Damen, dass sie seit über 50 Jahren nach Elmau kommen, und dann sagt die eine, ach, von der Zeitung sind Sie, ja, ja, die Medien. Im Fernsehen sei mal ein Beitrag über Elmau gelaufen, "die haben das von früher nicht so richtig dargestellt." Was sie mit "früher" meint, will sie nicht erklären, und eine andere Dame widerspricht ihr auch: Nein, das sei schon richtig gewesen, "darüber muss man auch reden." Ihre Bekannte murmelt aber nur etwas und konzentriert sich auf die Erdbeer-Mousse.

Das sind die Momente, die einen fast frösteln ließen, würde man nicht kurz darauf mit einer Tasse Tee und einem Käsekuchen vom Büffet auf der Terrasse sitzen. Eingewickelt in einen Mantel, schaut man auf die Berge und den klaren blauen Himmel und genießt die Herbstsonne. Und der Gedanke taucht auf, öfter mal hierher zu fahren.

Während die "alten Elmauer", wie sie sich mittlerweile nannten, ihr Idyll pflegten, machte der Familien-Flüchtling Dietmar Müller-Elmau Karriere. "Nie wieder" wollte er etwas mit dem Schloss zu tun haben. In München gründete er 1987 die Computerfirma Fidelio, die Software für Hotel-Management entwickelte. Sechs Jahre später war Fidelio Weltmarktführer. Mitte der neunziger Jahre verlagerte Müller-Elmau die Entwicklung nach Indien, Israel und die USA, verbrachte fortan die Hälfte seiner Zeit in Flugzeugen. "Ich habe es gehasst", sagt er, den Stress, das Reisen, die Flughäfen. Es dauerte nicht lange, und er verkaufte Fidelio für sechzig Millionen Mark. Zwar musste er die Summe mit zwei Miteigentümern teilen, er behielt aber, wie er sagt, "den größeren Teil". Und so kamen zwei Dinge zusammen: Elmau war in der Krise, und ein Enkel hatte Geld, um diese Krise zu überwinden.

Der Muff war längst in die Gemäuer eingezogen, die Gäste wurden immer älter und deshalb langsam auch immer weniger. Das Idyll drohte zu vergehen. Also nahm Müller-Elmau 1996 sein Geld, unterzeichnete einen Pachtvertrag für zwanzig Jahre und investierte bis heute etwa 25 Millionen Mark. Der Jahresumsatz des Hotels konnte inzwischen von acht auf 14 Millionen Mark gesteigert werden. In München hatte Müller-Elmau eine Zufallsbekanntschaft gemacht. In der Nähe seiner Stadtwohnung lebt der Architekt Christoph Sattler, der Enkel von Carlo Sattler, dem Erbauer von Schloss Elmau. Enkel Sattler, heute 61 Jahre, plante für den Enkel Müller-Elmau den Neubau. Das klingt nach kitschigem Heimatroman mit Happy End.

Und doch redet Dietmar Müller-Elmau nun im Arbeitszimmer seines Großvaters vor allem von den "Schwierigkeiten, mit denen ich hier zu kämpfen habe". Denn die "alten Elmauer" sind skeptisch, ob der Retter ihres Idylls nicht doch etwas anderes vorhat mit seinem Schloss. "Ich gelte bei denen als Angstmacher", sagt er, unter anderem, weil er neben den Tanzabenden - "ich werde verdächtigt, die abschaffen zu wollen!" - plötzlich Symposien veranstaltet, wie in diesen Tagen zum Thema Globalisierung. Ein Dutzend Soziologen aus den USA, Israel oder Holland ist angereist, eingeladen von Ulrich Beck, und man kann zusehen, wie zwei Welten aufeinander treffen: die alten und die neuen Elmauer. Die Alten besuchen die Diskussionen der Soziologen nur spärlich.

Zu den Skeptikern muss man wohl auch Bundespräsident Johannes Rau zählen. Seit Jahrzehnten verbringt er seine Ferien hier, er sitzt im Stiftungsrat, einem Gremium von Stammgästen, die den Pächter, wie es heißt, "beraten und überwachen sollen". Man könne nicht gerade sagen, dass Rau ihn unterstütze, sagt Müller-Elmau. Der Politiker hat den neuen Kurs so kommentiert: "Ich finde das reizvoll und risikoreich, denn ob es neben den vielen Akademien und Begegnungsstätten zureichenden Raum dafür gibt, muss sich erst erweisen. Ich hoffe das." Dabei setzt Müller-Elmau auf seine Art viel mehr die Tradition des Hauses fort, indem er die Themen der Gegenwart in die Gemäuer lässt.

Es ist deshalb schade, dass der Bundespräsident gerade nicht in Elmau ist, denn er könnte etwa mit Professor Roland Robertson von der Universität Aberdeen darüber diskutieren, ob Globalisierung wirklich für die Amerikanisierung der Welt steht. "Nein, nein", sagt der weißhaarige Professor beim Kaffee, Kaugummi kauend. Oh, er habe das früher gehasst, aber es habe ihm geholfen, mit dem Rauchen aufzuhören, und seine Frau Kathleen, die mitgekommen ist, lächelt milde. "Amerika müsste genauso große Angst haben, von den Hispanics und Asiaten überrollt zu werden", sagt Robertson, und dann beginnt er zu schwärmen von Elmau. Diese Ruhe! Diese Konzentration! Für einen, der denkt und lehrt, sei die Abgeschiedenheit ein Paradies. Und so ist es kein Wunder, dass auch Peter Sloterdijk, der auf Elmau seine "Regeln für den Menschenpark" aufgestellt hat, hier noch einmal ein paar freie Tage verbracht hat. Erst nach einer Weile sagt Robertson, dass er bei seinem Rundgang "immerzu an Leni Riefenstahl denken" musste. Und dass er zwei Dinge vermisst: "elektronische Schlüssel an den Türen und CNN". So viel zur voranschreitenden Amerikanisierung.

Dietmar Müller-Elmau mag solche Szenen, wenn aufeinander prallt, was sich in seiner Person vereint. Die Welt der Computer, der Politik und des Geldes einerseits, die Abgeschiedenheit des bayerischen Bergtals andererseits. So sieht er sich: als Vermittler zwischen Extremen. "Ich bin doch kein Intellektueller", sagt er, in die Fußstapfen des Großvaters wolle er nicht treten. Den Kult um den Gründer hat er zu lange miterlebt, da sagt er lieber, "ich will auf keinen Fall im Mittelpunkt stehen." Das hindert ihn nicht, in einem Kommentar für "Focus" ein "Einwanderungsgesetz in Deutschland" zu fordern. Dort ist der Bruder des Architekten Christoph Sattler Kultur-Chef.

Auf dem Flur vor dem Arbeitszimmer bleibt Dietmar Müller-Elmau kurz stehen und redet mit ironischem Unterton und auch stolz über die Büste auf einem Regal. Sie zeigt den Großvater, der ein bisschen nach Bismarck aussieht. Der Nachfahre hat ihn nie kennen gelernt. Gibt es eine Frage, auf die der Enkel gern eine Antwort hätte? "Ich wüsste gerne, was damals schief gegangen ist."

Auf dem Feldweg noch ein paar Schritte, dann sind wir wieder am Schloss. Eine Audi-Limousine hält, eine sportliche, gepflegte Frau kurbelt das Fenster herunter und ruft Dietmar Müller-Elmau zu sich. Beim Konzert der indischen Musiker gestern Abend ist die Tonanlage ausgefallen, und niemand vom Hotel sei dagewesen. Müller-Elmau hört zu, nickt, sagt nicht viel, ja, er werde sich darum kümmern. Die Frau kurbelt das Fenster wieder hoch und fährt weiter. "Meine Mutter", sagt er. Die Familie hat ihn wieder.

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