Kultur : Schloss jetzt!

Plädoyer für das alte, neue Herzstück Berlins

Bernhard Schulz

Was hat man nicht über ihn gelächelt, den Hamburger Landmaschinenhändler, der sich unerschrocken für die Wiedererrichtung des Hohenzollernschlosses in der Mitte Berlins einsetzte! Alle Oberschlaumeier winkten ab: Man wisse nicht einmal genau, wie das Ding ausgesehen habe! Doch Wilhelm von Boddien hatte die geniale Idee, das im Krieg zwar stark beschädigte, aber in Teilen sogar intakte Riesenbauwerk, das erst 1950 auf Geheiß von Walter Ulbricht weggesprengt worden war, als Simulation wiedererstehen zu lassen. Die gelb bemalte Plastikplane, mit der eine sinnliche Vorstellung der stadträumlichen Wirkung des Schlosses möglich wurde, war die Sensation des Sommers von 1993.

Der Hauptpunkt der Schloss-Verächter war damit glänzend widerlegt: dass der barocke Bau ein Monstrum gewesen sei und ohne Bedeutung für den Stadtraum. Das Gegenteil erwies sich als zutreffend. Dieses Bauwerk, wie immer es im Detail gestaltet gewesen sein mochte, prägte die Mitte Berlins, zog alle Sicht- und Bedeutungsachsen auf sich, nicht nur, aber vor allem diejenige des Prachtboulevards Unter den Linden. Genau so groß, so monumental, so barock musste das Bauwerk sein, das der Mitte Berlins den Halt zu geben vermag, den die Stadt in Krieg und Abrissfuror verloren hatte.

Man wusste 1993 wenig über das Schloss – aber der Kenntnisstand wuchs rapide. Und was an Details zusammenkam, ließ sich mit der Hilfe moderner Methoden beeindruckend zusammenfügen. Schlossrekonstruktion nicht möglich? Dieser billigste aller Einwände schwand dahin, lange bevor die Dresdner Frauenkirche vor Augen führte, was Rekonstruktion vermag.

Die städtebauliche Bedeutung des Schlosses steht außer Frage. Seine symbolische Bedeutung hingegen ist eine Frage der Einstellung. Die Schlossbefürworter setzen auf die Kontinuität der Geschichte, auf die Anknüpfung an das Gestern, weil sich nur aus solcher Traditionslinie das Heute begreifen und das Morgen gestalten lässt. Die SED wollte diese Tradition radikal, nämlich an seiner baulichen Wurzel ausreißen. Berlin aber wuchs zu dem, was es nach allen grundstürzenden Veränderungen wurde und heute – als deutsche Hauptstadt – wieder ist, allein aus dieser brandenburgisch-preußischen Tradition, die ihren Ausgang nahm an dieser Spree-Insel, mit dem Schloss als Mittelpunkt. Das Schloss war das Herzstück Berlins, darum kommen wir nicht herum.

So überzeugend sich die bauliche Notwendigkeit der Schlossrekonstruktion erwies, so deutlich auch die Rekonstruktion der barocken Fassaden und des Schlüterhofes der kunsthistorischen Bedeutung dieses Bauwerks gerecht würde, so schwierig stellte sich doch die Frage nach der angemessenen Nutzung. Der lange Diskussionsprozess, der mit dem Fall der Mauer einsetzte, hat hier zu einer wirklichen Klärung geführt. Die Vorstellungen einer privaten Bewirtschaftung als Kongresszentrum plus Luxushotel, von Firmen-Repräsentanzen ganz zu schweigen, sind zum Glück im Strudel der Investoreneuphorie der Frühneunzigerjahre versunken, in dem sie an die Oberfläche gelangt waren. Die Schlossplatzkommission hat das Rezept gefunden, das den Bogen schlägt aus der Vergegenwärtigung von Historie zu den Herausforderungen der Zukunft. Das Humboldt-Forum, als das es bündig bezeichnet wird, soll die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen, derzeit fernab gelegen im vorörtlichen Dahlem, und die Wunderkammern der nahen Humboldt-Universität mit der wunderbar tagesdienlichen Landesbibliothek zusammenführen, erweitert um eine „Agora“ des geistigen Austauschs.

So gewänne die der abendländischen Kultur- und Kunstgeschichte gewidmete, nahe gelegene Museumsinsel ihr Pendant in einem Ort des Weltwissens. Dass die Mitte der deutschen Hauptstadt sich der Welt, ihren Kulturen und ihren geistigen Forderungen stellte, und dies naturgemäß im Fokus einer Weltöffentlichkeit, wäre wohl das nachdrücklichste Bekenntnis zu den Folgerungen, die wir Deutschen aus unserer Geschichte gezogen haben und haben ziehen müssen. Und gerade in einer solchen Nutzung wäre die Rückgewinnung der barocken Fassaden – künstlerischer Leistungen von europäischem Rang, wie oft genug vergessen wird – keine aufgepappte Nostalgie, sondern das sichtbare Zeichen einer Wandlung im Vollbewusstsein des historischen Erbes, das anzutreten keine Frage von Lust und Laune ist, sondern der Vernunft unserer Gesellschaft.

Mit dem Humboldt-Forum kommt die Hauptstadt Deutschlands im 21. Jahrhundert an: da nämlich, wo die geistigen Auseinandersetzungen frühere Standortbestimmungen machtpolitischer oder ökonomischer Art längst überholt haben. Berlin ist nicht der Nabel der Welt – aber es liegt mitten in ihr. Und mitten in Berlin liegt das Humboldt-Forum.

Ach ja, und der Palast der Republik, über dessen Restabriss der Bundestag heute Nachmittag nochmals beschließen will? Es war der Versuch der DDR, die ausradierte Geschichte irgendwie zu behübschen, mit einem weitgehend funktionslosen Bürgertreff. Das ist nun wirklich passé. Es verwundert nicht, dass die einst so stimmkräftigen Palast-Nostalgiker mittlerweile in der Gegenwart angekommen sind, stattdessen aber eine junge, von Geschichtsbewusstsein freie Generation für die ruinöse Spielwiese eintritt. Ein Zeitphänomen, gewiss – aber alles andere als eine Zukunftsperspektive.

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