Schloss Marquardt : Das versunkene Paradies

Totenkopf und Nymphenbrunnen: Das 17. Rohkunstbau-Festival in Schloss Marquardt lädt ins Spiegelkabinett der Geschichte.

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Was, wenn statt flirrender Hitze, blauem See und leichter Brise plötzlich wieder Winter wäre, frostiger Wind, wallende Nebel über karstigem Fels und silbrige Tautropfen im braungrauen Gebüsch? Wenn Einsamkeit herrschte statt des lebhaften Treibens im Park, und statt der verblichenen Pracht von Schloss Marquardt am Schlänitzsee nur die schäbige Tristesse eines Hotelzimmers, darin ein nackter Mann in schweren Träumen?

Der israelische Künstler Ori Gersht hat in „Evaders“ den letzten Weg von Walter Benjamin nachgestellt, ein einsamer Grenzweg durch die Pyrenäen, der für den verzweifelten, von den Nationalsozialisten gejagten Philosophen die Passage in die Freiheit werden sollte, ins rettende Spanien und in die USA – doch der Weg blieb versperrt, die Kräfte reichten nicht. Benjamin starb am 26. September 1940 in seinem Hotelzimmer oder nahm sich aus Angst vor der drohenden Verhaftung das Leben. Ein Denkmal von Dani Karavan in Portbou erinnert an seinen Tod.

Ori Gersht ist für seine zweiteilige Videoinstallation diesen Weg noch einmal abgeschritten, in schäbigem Mantel, mit schwerer Aktentasche, das Gesicht gegen den Sturm gestemmt, bis der Wind die Tränen in die Augen treibt, ein langer Gang vom Spätsommer bis in den Winter. Der Künstler hat die betörenden, an Caspar David Friedrich erinnernden Landschaftsbilder mit Benjamins großem Text vom „Engel der Geschichte“ unterlegt, der mit dem Sturm endet, der den Engel in die Zukunft treibt, weg aus dem Paradies. Das Paradies heißt Vergangenheit. „Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Was Wunder, dass auch in der paradiesisch schönen Umgebung des nördlich von Potsdam gelegenen Schloss’ Marquardt alle Zeichen auf Vergangenheit stehen, auch wenn das Ausstellungsthema eigentlich hätte Zukunft lauten sollen. „Atlantis II“ hat sich die 17. Ausgabe des Sommerfestivals Rohkunstbau auf die Fahnen geschrieben, Platons Vision vom Idealstaat. Während es 2009 um die „new identities“ ging, um die neuen Identitäten in einem erweiterten Europa nach 1989, stehen nun die „imagined identities“ auf dem Programm: Zukunftsvisionen für eine Welt, die, so Kurator Mark Gisbourne, von Pluralität gekennzeichnet sein sollte, nicht mehr von der Auseinandersetzung mit Ideologien.

Doch die Zukunft kommt nicht von der Vergangenheit los. Nicht im Fall von Ori Gersht, dessen Benjamin-Hommage sich nahtlos auf das Europa von heute übertragen lässt, das für verzweifelte Flüchtlinge zur unerreichbaren Festung wird. Auch nicht bei einigen anderen der zehn Künstler in diesem Jahr, die der Faszination von Schönheit willig erliegen – und dem Wissen um deren Vergänglichkeit dazu. Nicht von ungefähr fällt die Ausstellung ausgesprochen barock aus, voller elegischer Memento mori und brutaler Untergangsszenarien. Dass der Inselstaat Atlantis an seiner eigenen Hybris zugrunde ging, am Selbstbewusstsein einer geschlossenen Gesellschaft, die sich selbst als auserwählt betrachtet – das lässt sich, so das Fazit dieser gelungenen Schau, mühelos auf die heutige Kunstwelt übertragen.

Allein der Videopionier Stefan Roloff lässt sich auf das aktuelle Thema der Inklusion und Exklusion ein: In seiner Installation, die an eine gotische Kapelle erinnert, lässt er Menschen aus über zwanzig Ländern in ihren jeweiligen Sprachen über ihre Vorstellung vom Glück reden, bis ein vielstimmiger Klangsalat entsteht. Ansonsten überwiegt die Selbstreflexion. Der britische Künstler Mat Collishaw hat einen Spiegel in einen prächtigen viktorianischen Rahmen gesetzt und mit einem Neptunkopf bekrönt – Neptun, ein Hinweis auf den Wasserstaat Atlantis. Wenn sich der Betrachter lange genug gespiegelt hat, tauchen Fische aus der Tiefe des Raums auf – und am Ende, Memento mori, ein Totenkopf und eine Sanduhr. Johanna Smiatek hat mit „Ivory Tower“ ein Spiegelkabinett in die Haupthalle gesetzt, einen weiß lackierten, oktogonalen Pavillon, in dem der Betrachter mit seinem vervielfältigten Selbst allein ist – bis mit zunehmendem Licht Tempelarchitekturen entstehen, die an Angkor Wat erinnern.

Elisa Sighicelli hat die Ideallandschaften italienischer Quattrocento-Malerei extrahiert und raffiniert beleuchtet. Auch fotografierte sie in einer afrikanischen Wüstenstadt, in der sich der Sand allmählich die Räume zurückerobert. Die in den Niederlanden lebende marokkanische Künstlerin Wafae Ahalouch el Keriasti hat ein Karussell aus weißen Spanholzplatten entworfen, sich aufbäumende und stürzende Pferde, und dazu einen plätschernden Nymphenbrunnen, männliche und weibliche Macht- und Projektionsbilder, das Ganze in elegant-femininem Dekor. Die britische Bildhauerin Cathy de Monchaux schließlich schickt, in mühevoller Handarbeit, Miniaturarmeen ins Feld, weiße Stoffmännchen mit gefährlichen Waffen, die an Paolo Uccellos Schlachtszenen erinnern, zauberhaft fantastische Bildwelten – aber voller Gewalt.

Und dann verblasst doch alle Kunst. Im Turmzimmer von Cathy de Monchaux stehen die drei Fenster offen, eine leichte Brise weht, Licht flutet hinein, überwältigend grün und blau sind Park und See, die Seele weitet sich. Und doch: Ist es nicht frevelhaft, nur immer zurückzublicken, in diese Schönheit, diese Kunst? Nicht ausgeschlossen, dass das Rohkunstbau-Festival, das einmal in einer Betonbaracke begann und sich, über Groß-Leuthen und Sacrow nun in den erlesen verblichenen Räumen von Schloss Marquardt so sentimental-heimisch eingerichtet hat, im nächsten Jahr das Dominizil erneut wird wechseln müssen. Der Sturm treibt uns unaufhaltsam in die Zukunft, der wir den Rücken kehren. Oder, wie Cathy de Monchaux es formuliert: „Ich stelle mir eine Zukunft vor, aus der sich der Abdruck der Vergangenheit nicht mehr löschen lässt.“

Schloss Marquardt, bis 12. September,

Fr 14-19 Uhr, Sa/So 12-19 Uhr. Eröffnung am heutigen Sonntag, 16 Uhr. Infos unter www.rohkunstbau.de

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