Kultur : Schloss mit lustig

Eine

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unseres Sonderkorrespondenten

Von einem unserer ansonsten recht zuverlässigen Mitarbeiter erreicht uns zum Ende der Bespielung des Palastes der Republik eine seltsame Reportage. Während der „Berg“ im Palast heute zum letzten Mal bestiegen wird und Nico and the Navigator zum finalen BergFest aufspielen, hat unser Mitarbeiter gesehen, was in diesem Jahrhundert noch keinem anderen Beobachter zu sehen vergönnt war: das Schloss. Wir wollen unsern Lesern diesen Exklusiv-Bericht nicht vorenthalten, auch wenn er uns an einigen Stellen ein wenig befremdlich zu sein scheint.

„Berlin lag in tiefem Schnee“, schreibt unser Korrespondent. „Vom Schlossberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Prachtstraße, die zum Alexanderplatz führt und blickte in die scheinbare Leere empor. ,Du kennst das Schloss nicht’, sagte ein Einheimischer leise. ,Freilich’, sagte K., ,man soll nicht verfrüht urteilen. Vorläufig weiß ich ja vom Schloss nichts weiter, als dass man es dort versteht, sich den richtigen Zwischennutzer auszusuchen. Vielleicht gibt es dort noch andere Vorzüge.’ Und er drehte sich um, um den unruhig seine Lippen beißenden Berliner von sich zu befreien. Leicht war das Vertrauen dieses Mannes nicht zu gewinnen.

Nun sah K. oben das Schloss deutlich umrissen in der klaren Luft und noch verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall liegenden Schnee. Im Ganzen entsprach das Schloss, wie es sich hier von der Ferne zeigte, K.s Erwartungen. Es war weder eine alte Ritterburg, noch ein neuer Prunkbau, sondern eine ausgedehnte Anlage. Hätte man nicht gewusst, dass es ein Schloss ist, hätte man es für ein Kaufhaus oder einen Bunker halten können. Schwärme von Krähen umkreisten es. Die Augen auf das Schloss gerichtet, ging K. weiter, nichts sonst kümmerte ihn. Aber im Näherkommen enttäuschte ihn das Schloss. Berlin war doch nur ein recht elendes Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen, ausgezeichnet nur dadurch, dass vielleicht alles aus Stein gebaut war, aber der Anstrich war längst abgefallen, und der Stein schien abzubröckeln.“

Hier bricht der Bericht unseres Mitarbeiters ab. Seit sich Herr Kafka, so der Name unseres Sonderkorrespondenten, auf den Weg ins Schloss gemacht hat, haben wir nichts mehr von ihm gehört.

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