Schlossplatz : Pompeji an der Spree

Ausgerechnet im Zuge der Rekonstruktion sollen die letzten originalen Zeugnisse des Schlossbaus zunichte gemacht werden. Warum die Grabungsfunde auf dem Schlossplatz nicht dem Neubau geopfert werden dürfen.

Ansgar Oswald
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Was vom Schlosse übrig blieb. Ein Ziegel aus Birkenwerder. -Foto: Thilo Rückeis

Erinnern hat etwas mit Verstehen zu tun. Ein altes Bild, das wir in der Schublade wieder finden, kann eine Erkenntnis auslösen. Genauso geht es vielen, wenn sie gegenwärtig über die weite Leere in Berlins historischer Mitte gehen, die einmal die alte Bürgerstadt war. Im Schlossgrund jedoch kommt Spektakuläres an die Oberfläche: Ein ganzes Labyrinth an Mauerresten tritt unter der sechs Jahrzehnte alten Zivilisationslava des Asphalts zutage, Eingänge, Ausgänge, Zimmer, Türstürze, Andeutungen von Fenstern, wuchtige Mauerwerke. Sie setzen die Fantasie in Gang und wecken bei manchen Erinnerungen an jenes Ereignis, als 1950 der gewaltige kriegsbeschädigte Koloss des Berliner Hohenzollernschlosses weggesprengt wurde und fünf Jahrhunderte Berliner Geschichte damit aus dem Bild der Stadt verschwanden.

Während hier die Relikte der Vergangenheit aufgedeckt werden, wird hinter den Kulissen an deren Reproduktion gearbeitet. Anhand von altem Fotomaterial, Detailzeichnungen und Fundstücken entsteht mithilfe von Computertechnik das Alte im Neuen: Mit jedem Kapitell, jeder Skulptur, jeder Kartusche, jedem Giebel, Gesims oder Risalit werden die Gesichtszüge des Berliner Stadtschlosses wieder zum Leben erweckt, mit denen die Barockbaumeister Andreas Schlüter und Eosander von Göthe dem Bau vor rund 300 Jahren jene Gestalt gaben, die wir nur noch aus Schwarzweiß-Bildern kennen. Dabei geht es auch um das Ganze, um städtebauliche Zusammenhänge und Bezugsgrößen inmitten der einstigen Bürgerstadt, die ebenfalls mit dem Schloss verschwunden ist.

Das Schloss gab der gesamten Umgebung einst Halt, auf seinen Bau bezog sich alles. Mit der Rekonstruktion wird wieder verständlich, was den aufmüpfigen Karl Friedrich Schinkel dazu bewog, dem Schloss in klarer klassizistischer Gestalt 1825 das Königliche Museum – das heutige Alte Museum – als Antithese eines „durch Freiheitskriege gestärkten patriotischen Bürgertums entgegenzusetzen“, wie der Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg schrieb. Wenn nun die Museumsinsel mit dem Humboldt-Forum zu einem Ort der Weltkulturen verschmilzt, dann wird stadtgesellschaftlich ein Geniestreich im Sinne Hegelianischer Dialektik vollzogen.

Das eigentliche Problem besteht darin, dass ausgerechnet im Zuge der Rekonstruktion die letzten originalen Zeugnisse des Schlossbaus zunichte gemacht werden, nämlich die archäologischen Funde. Neben den Schlosskellern gehören dazu die auf mächtigen Eichenpfählen ruhenden Natursteinfundamente des Eosanderportals von 1710. Dass die Entdeckungsreise zu den Fundamenten der Berliner Stadtgeschichte noch ganz andere Überraschungen bergen könnte, hat sich nur einen Steinwurf entfernt mit den Mauerresten des Dominikanerklosters aus dem 13. Jahrhundert vor dem Eingang des Staatsratsgebäudes bestätigt. An der Ecke Brüderstraße, Scharrenstraße, wo am Rande der verkehrsdurchtosten Gertraudenstraße etwas verloren ein letzter Rest des alten Berlin steht, entpuppt sich die vorgelagerte Ödnis als wahre Schatztruhe der Doppelstadt Berlin-Cölln. Die Erdschichten geben Einblicke bis zum frühesten Ursprung an einem Ort frei, der als Petrikirchplatz den Mittelpunkt des alten Cölln bildete.

Den beiden archäologischen Grabungsorten auf der Spreeinsel entsprechen jene vor dem Roten Rathaus und an anderen Stellen des Marx-Engels-Forums zwischen Spreearm und Alexanderplatz. Unter dem Rasen kommt ein Geflecht aus Mauerresten unterschiedlicher Epochen eines Stadtviertels zum Vorschein, das um 1250 der Neue Markt und damit Berlins erste Stadterweiterung war. So entsteht zumindest eine vage Vorstellung davon, wie Stadt und Schloss einst zueinander standen. Eine Vorstellung, die heute nur noch drei Bezugspunkte im Stadtbild kennt: die verloren am Rande stehende Marienkirche; das im 19. Jahrhundert entstandene Rote Rathaus und das mehr nach Kriterien touristischer Vermarktung denn als glaubwürdige Rekonstruktion wiederhergestellte Nikolaiviertel.

Damit so etwas nicht wieder geschieht, kommt den Grabungen im Schlossgrund, am Petrikirchplatz und am Marx-EngelsForum eine umso größere Bedeutung zu. Aber wen interessiert das? Allen Orten ist gemeinsam, dass sie verschämt von Verschlägen oder Zäunen umgeben sind, verloren im städtischen Nichts wirken sie wie verbotene Zonen. Das zieht kaum Passanten an, manche gucken flüchtig, werfen befremdliche Blicke. Nur ab und zu locken Führungen in den Berliner Untergrund. Alles wirkt so, als habe Berlin etwas zu verbergen.

Der Kunstkritiker Karl Scheffler hat Berlin schon 1910 attestiert, dass die Stadt sich permanent neu erfindet und ihr geschichtliches Erbe systematisch entsorgt. Vielleicht kommt der Stadt ihre historische Erbmasse im Boden deshalb befremdlich vor. Das ist tragisch, denn was da unter den Spateln und Pinseln der Archäologen ans Licht der Gegenwart tritt, kommt im Verhältnis zum Verlust des Ganzen den Funden eines Francesco La Vega und Giuseppe Fiorelli gleich, denen wir die Ausgrabungen von Pompeji zu verdanken haben.

Mit jedem freigelegten Mauerrest öffnet sich das steinerne Geschichtsbuch einer Stadt, der bis auf eine Urkunde von 1237 kaum schriftliche Dokumente aus ihrer Frühzeit erhalten geblieben sind und in deren Stadtbild kaum etwas an ihren Ursprung erinnert. Es handelt sich um ein authentisches Bodendenkmal, das begreifen lässt, wie es einmal war. Umso unbegreiflicher wäre es, wenn die Verbindung von originaler Bausubstanz mit einer modernen Interpretation des Alten – wie sie beim Neuen Museum gelungen ist – nicht auch im Bereich des Schlossplatzes und bei der Wiederbebauung des alten Berliner Stadtkerns gelänge.

Doch genau das ist zu befürchten. Mit der Wahrheit, die mit dem steinernen Archiv ans Tageslicht tritt, wird zugleich die Wahrheit Berlins im Umgang mit seinem geschichtlichen Erbe deutlich, jedenfalls dann, wenn die Ausgrabungen einer Mischung aus Kleingeisterei, Großmannssucht und altbackener Planung der Tiefenenttrümmerung zum Opfer fallen sollte. Wie auch immer die Verkehrsplanungen für die Berliner Altstadt ausfallen werden, schon allein der U-Bahnbau dürfte dafür sorgen, dass wesentliche Teile des Bodendenkmals unwiederbringlich vernichtet werden. Das weckt Assoziationen zu Köln, wo der U-Bahnbau das Stadtarchiv und mit ihm das nationale Schriftkulturgut von Jahrhunderten im Grundwasser versenkt hat.

Fahrlässigkeit dort, Vorsatz hier? Die Kunsthistorikerin Katharina Corsepius beschrieb kürzlich in „Monumente“, dem Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, wie die Sehnsucht nach Rekonstruktion geschichtlicher Bauten mit einem gleichzeitig fortschreitenden Abriss der Originalsubstanz einhergeht. Wenn nun entgegen der ursprünglichen Absicht, das Grundrissmonument der Hohenzollernresidenz zu erhalten, der Nachbau und der U-Bahnbau für dessen Vernichtung sorgen, dann mangelt es der rekonstruierten barocken Silhouette des unwiederbringlich verlorenen Schlosses an Glaubwürdigkeit.

Dann vollenden ausgerechnet jene, die die Nachbildung als Akt des Geschichtsbewusstseins rechtfertigen, das Werk der Zerstörung von 1950.

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