Schlossplatz : Zuerst: Kultur

Zehn Jahre sind bereits ins Land gegangen, seit die Wiedervereinigung Berlins die Chance eröffnete, die geschundene Stadtgestalt behutsam zu heilen. Am wenigsten gelang es auf dem Areal des Schlossplatzes.

Die Konsensdemokratie erfordert vor allen Dingen eines: sehr viel Zeit. Ob ihre auf verschlungenen Pfaden erzielten Kompromisse von größerer Haltbarkeit sind als oktroyierte Entscheidungen, mag man bezweifeln - in unserer Gesellschaft jedenfalls gibt es keinen besseren Weg, als das entsprechende Verfahren zu formalisieren, um ihm ein Höchstmaß an Legitimität und also Zustimmung zu sichern.

Zehn Jahre sind bereits ins Land gegangen, seit die Wiedervereinigung Berlins die Chance eröffnete, die geschundene Stadtgestalt behutsam zu heilen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Konturen eines neuen Berlin sichtbar geworden sind, am deutlichsten in den Bauten der politischen Hauptstadt Deutschlands. An anderen Stellen ist das vergangene Jahrzehnt weniger gut genutzt worden. Am wenigsten gelang es auf dem Areal des Schlossplatzes.

Legitimation durch Verfahren

Die Berufung der Kommission "Historische Mitte Berlin" hat jene Verfahrenssicherheit geschaffen, deren Fehlen die bisherige Diskussion so ermüdend hatte kreisen lassen. Allein das ist ein enormer Gewinn. Mit der ersten öffentlichen Anhörung am vergangenen Mittwoch ist das demokratische Element hinzugetreten, das die endgültige Beschlussfassung durch die Politik nicht vorwegnehmen, womöglich aber vorformen wird.

Zum Thema Hintergrund: Der Streit um den Schlossplatz Nach der erbitterten Polarisierung von Befürwortern und Gegnern des originalgetreuen Wiederaufbaus des Hohenzollern-Schlosses fielen die Plädoyers im gesitteten Rahmen der Anhörung weit weniger unerbittlich aus als zuvor. Aber es stand ja in dieser Runde ohnehin nicht die bauliche Gestalt eines künftigen Gebäudes auf dem verwaisten Areal im Mittelpunkt, sondern die Frage seiner Nutzung. Sie ist die Gretchenfrage. So kann nach der Anhörung keinesfalls die Rede davon sein, die Würfel seien bereits für oder gegen eine Schlossrekonstruktion gefallen, wie bereits voreilig geäußert wurde. Erst muss die Nutzung in ihren Grundzügen Konsens finden, ehe das bauliche Gewand bestimmt werden kann.

Die drei Vorschläge, die durchweg Beifall gefunden haben, zielen auf eine kulturelle Nutzung bewährter Art. Die Humboldt-Universität möchte sich, ermutigt vom Erfolg der jüngsten (und seit Menschengedenken ersten) Ausstellung ihrer Sammlungen einer breiten Öffentlichkeit in den Zeugnissen von Forschung und Erkenntnis sichtbar machen. Das ergäbe engste Berührung zu dem unbestrittenen Glanzlicht einer künftigen Schlossplatznutzung: der Verlagerung der Ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen von Dahlem in die Stadtmitte. Wer wollte sich dem Lockruf von Museums-Generaldirektor Schuster entziehen, der "enzyklopädisch gesammelte Reichtum der Kunst und Kulturen der außereuropäischen Welt" mache die besondere Leistung Preußens anschaulich? Und auch der dritte Vorschlag durfte ungeteilten Beifalls sicher sein: die Bündelung der Landesbibliothek, bislang auf zwei unglücklich separierte Standorte verteilt, an diesem, Lesehungrige wie Passanten gleichermaßen einladenden Ort.

Rechnet man die vage bezifferten Quadratmeterzahlen des jeweiligen Raumbedarfs zusammen, wäre ein Gebäude in den Umrissen des Schlosses - denn das ist das Einzige, auf das sich alle Beteiligten mittlerweile wohl schon einigen können - bereits nahezu gefüllt. Es bliebe dann noch Platz für die - ebenfalls allseits erwünschte - Gastronomie, vielleicht auch für einen Fest- und Bankettsaal. Mit einem solchen "Kulturschloss" wäre, wirtschaftlich ausgedrückt, das "Betreiberrisiko" minimiert: Denn was könnte schon schief gehen mit einem Riesenbau, der jeden Tag eine Zehntausende zählende Schar sowohl einheimischer Leser wie auswärtiger Touristen anzöge und zu politischen Anlässen zudem noch eine Handvoll Staatsbesucher?

Der politische Ort ist passé

Der letzte Punkt allerdings würde bei Gelegenheit ins Bewusstsein rufen, dass das Schlossareal, auf dem fünfhundert Jahre lang preußisch-deutsche Geschichte geschrieben wurde, als politischer Ort passé ist. Die historische Mitte Berlins hat keine geschichtsprägende Zukunft mehr. Die deutsche Gegenwart wird künftig im räumlichen Wechselspiel zwischen Reichstag und Kanzleramt gestaltet. Dem Gebäude auf dem Schlossplatz, gleich ob es in barocker Gestalt von großer Vergangenheit zeugen oder in zeitgenössischem Gewand in die Zukunft weisen will, käme eine rezipierende, doch keine gestaltende Rolle mehr zu.

Statt Politik Kultur: Das ist der erste Grundkonsens, der mit der Anhörung vom Mittwoch erreicht sein dürfte. Ob es allein die gesammelte Kultur der Vergangenheit sein soll oder ob auch für jene Kultur Platz bleibt, die erst noch entsteht, wäre die nächste Frage, die sich die Schlossplatz-Experten stellen sollten.

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