Kultur : Schlüsselloch-Revolution

UWE FRIEDRICH

Der schönen Isaure geht es in André Ernest Modest Grétrys Oper "Raoul Barbe-bleu" aus dem Jahr 1789 nicht anders als den übrigen Frauen Blaubarts: Auch sie muss natürlich das streng verbotene letzte Zimmer Blaubarts öffnen, weil sie ihren Wissensdurst nicht beherrschen kann. Klar, dass der enttäuschte Ritter auch bei Grétry seine Gattin ermorden will - als gerechte Strafe für ihre Neugier. Doch nach Art der französischen Revolutionsoper kommt Rettung im letzten Augenblick: Isaures getreuer Freund Vergy meldet die Ankunft der Verwandtschaft und im Getümmel erdolcht der rechtlose Diener Ofmann seinen adligen Herrn, weil er Blaubarts moralische Verworfenheit nicht länger erträgt.So wird die Warnung vor weiblicher Neugier im vorrevolutionären Frankreich unversehens zur drastischen Adelskritik. Mit seiner überraschenden Todessehnsucht, der geradezu zwanghaften Suche nach der "Frau, die vor Neugier nicht gefeit" ist und seinen Untergang herbeiführen wird, ist dieser Blaubart ein Bruder im Geiste Don Giovannis. Und wie der Lebemann in Mozarts Oper wird auch dieser charmant-grausame Vertreter der alten Zeit von den bis dahin rechtlosen Unterschichten ohne Mitleid aus dem Weg geräumt.Grétrys "Blaubart"-Oper war seinerzeit besonders auf deutschen Bühnen ein Riesenerfolg, die einschlägigen Fachlexika rühmen vor allem Kraft und Düsternis dieses Werks des ansonsten fast vergessenen Komponisten. Ein Fall also für die verdienten Musikarchäologen der Neuköllner Oper, die ihre jüngste Ausgrabung nun im Kreuzgang des Stifts Neuzelle bei Eisenhüttenstadt zeigen. Doch diesmal fällt es schwer, sie für ihre Arbeit zu loben. Denn trotz des Lexikonslobs klingt Grétrys Musik so, als hätte ein sehr jungen Mozart sie an einem wenig inspirierten Tag geschrieben. Und so plätschert eine aparte Melodie nach der anderen vorüber, ohne dramatische Kraft zu entwickeln. Dirigent Winfried Radeke leitet seine Musiker zwar routiniert und sicher durch die wenigen rhythmischen Klippen und hält das Geschehen wacker zusammen, schafft es aber nicht, der zweitklassigen Musik aufregendes Leben einzuhauchen.Auch die szenische Lösung ist kaum der Rede wert. Ausstatterin Barbara Keiner hat eine von schwedischen Möbelhäusern inspirierte Kiefernholz-Bretterwand als Bühne bereitgestellt, die Regisseur Rudolf Danker jedoch in keiner Weise nutzt. Seine unbeholfene Regie beschränkt sich auf das Arrangement der Auftritte und Abgänge auf der überbreiten Spielfläche sowie auf abgegriffene Operngesten, die selbst in einer Schulaufführung kaum entschuldbar wären.Auch der alte Operngänger-Trick, bei belanglosen Inszenierungen einfach die Augen zu schließen, um nur dem Gesang zu lauschen, bietet diesmal nur geringe Hilfe. Der harmlose Blaubart von Bariton Burkhard Schulz strahlt weder die brutale Gefährlichkeit eines Fraunmörders aus, noch kann er die erotische Strahlkraft des adligen Lüstlings singend deutlich machen. Die drei anwesenden Tenöre machen mit deutlichen Höhen- und Ansatzproblemen deutlich, dass sie ihren Partien in keiner Weise gewachsen sind. Einzig die Sopranistin Lilia Milek überzeugt mit Charme und Bühnenpräsenz als Isaure. Mit dramatischem Kern in der Stimme, doch flexibel und farbenreich in allen Lagen, zeigt sie auch gesanglich die Gefühle der jungen Frau in Extremsituationen. Wenn sie nicht singt, kann der Besucher in Ruhe die verwegenen Fledermäuse auf Beuteflug beobachten - und gelegentlich verdeckt ein vorbeirumpelnder Güterzug gnädig die Musik.

Noch heute, am 4., 6. und 7. 8. in Neuzelle, ab 12. 8. dann in Berlin in der Neuköllner Oper.

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