Kultur : Schluss mit dem Gelaber

Ein Wort genügt: Herbert Fritsch inszeniert „Murmel Murmel“ an der Berliner Volksbühne.

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Willkommen in der Sinnfreiheit. Wolfram Koch als Murmel-Virtuose. Foto: Thomas Aurin
Willkommen in der Sinnfreiheit. Wolfram Koch als Murmel-Virtuose. Foto: Thomas AurinFoto: Thomas Aurin

Man kann dem Regisseur Herbert Fritsch, den die „FAZ“ zum ultimativen Horrorkasperl adelte, sicher einiges vorwerfen. Mangelnde Konsequenz gehört nicht dazu. Schon Fritschs grandiose Inszenierung von „Die (S)panische Fliege“ an der Berliner Volksbühne, die im Mai zum Theatertreffen eingeladen ist, hatte sich von so lästigen künstlerischen Bremsklötzen wie Sinn, Bedeutung oder gar Tiefgang erfolgreich emanzipiert. Zwar verfügt Franz Arnolds und Ernst Bachs herrliche Spießer-Klamotte aus dem frühen 20. Jahrhundert noch über einen klaren Handlungsbogen. Aber wenn wir ehrlich sind, dient der Plot um den One-Night-Stand und die anschließenden Vertuschungsversuche des Senffabrikanten Ludwig Klinke einem begnadeten Schauspielensemble eher als Vorwand für frei drehenden Trampolin-Slapstick und hochnotkomische Jonglagen mit kompromittierenden Akten.

Insofern hatte Fritsch bei seiner zweiten Inszenierung an der Volksbühne, wo er in den besten Castorf-Jahren als Schauspieler engagiert war, praktisch gar keine Wahl. Er musste einfach zu Dieter Roths „Murmel“ greifen. Denn das Stück des 1998 verstorbenen Schweizer Aktions- und Objektkünstlers – 1974 auf gebräuntem Papier im Eigenverlag herausgebracht – entbindet Fritsch und seine Akteure endgültig von jedweder Sinnverpflichtung. Es besteht aus einer einzigen Vokabel: Murmel.

Und weil „Murmel“ natürlich äußerst variantenreich an- und abschwellen, sich in zigtausend Konstellationen zu „Murmel“-Ketten verbinden und ebenso möglichkeitsreich wieder separieren kann, umfasst das Werk stolze 176 Seiten.

Herbert Fritsch nähert sich diesem Fall der Konkreten Poesie konsequenterweise mit einer Regie-Tugend, die man sonst eigentlich eher bei Claus Peymann am BE verortet: Er besticht durch absolute Werktreue. Obwohl Fritsch seine Dada-Inszenierung in aller Bescheidenheit „Murmel Murmel nach Dieter Roth“ nennt, verzichtet er selbstredend auf jedweden Fremdtext und transportiert die grafischen Murmel-Varianten des Autors in angemessen vielgestaltiger Bedeutungsfreiheit auf die Bühne.

Tatsächlich muss man nach dem ersten Drittel des Siebzigminüters selbstkritisch konstatieren, bis dato nur über eine sehr eingeschränkte Vorstellung vom semantischen Murmel-Potenzial verfügt zu haben. Bastian Reiber, neben Annika Meier, Werner Eng oder Wolfram Koch einer der tollen Wiederholungstäter aus Fritschs „Fliege“-Ensemble, interpretiert „Murmel“ zum Auftakt als zwanghafte Augenzuckung, der ein korrekt getakteter, hyperminimalistischer Hüftschwung folgt. Anne Ratte-Polle, ein Gewinn bringender Neuzugang im Fritsch-Kosmos, entdeckt in „Murmel“ vornehmlich lasziv-forderndes Potenzial und setzt Posing-Maßstäbe für künftige Model-Castingshows. Überhaupt hat hier jeder mindestens einmal die Chance, völlig hemmungslos die Rampensau heraushängen zu lassen und – musikalisch großartig unterstützt von Ingo Günther – wie auf einem Catwalk in seiner ureigenen Choreografie aus der Bühnentiefe an die Rampe zu murmeln.

Werner Eng hibbelt sich dabei mit einer schlotterigen Biegsamkeit an die Front, als hätte er keinen einzigen hinderlichen Knochen im Leib. Wolfram Koch holt mit Hingabe den Klemmi heraus. Und Axel Wandtke schießt – ein populäres Stilmittel an diesem Abend – drei Schritte übers Ziel hinaus und landet auf einer Matratze zu Füßen der Zuschauer. In sorgfältig choreografierten Gruppenszenen rennt man gegen imaginäre Fensterscheiben, trippelt in eng anliegenden Ganzkörperanzügen vertrashte „Schwanensee“-Varianten oder scheitert als halbglatzige MusikerCombo an seinen Tasteninstrumenten.

Im Grunde muss man sich das Ganze vorstellen, als träfen Charlie Chaplin und Marcel Marceau auf einen psychedelisch entschleunigten Tarantino-Style. Und zwar in einem kongenialen, von Fritsch selbst entworfenen Szenario aus farbigen, hintereinander angeordneten Bühnenwänden, die sich beliebig verschieben lassen und so in Sekundenschnelle neue Räume definieren. Das ist allerdings auch nötig, denn der Overkill lustiger, aber im Gegensatz zur „(S)panischen Fliege“ absolut bösartigkeitsfreier pantomimischer Pointen wird irgendwann auch zum Ermüdungsbeschleuniger.

Unterm Strich bleibt ein ergebnisbezogen gemischter, im Hinblick auf das System Fritsch aber mutig-konsequenter Abend, der natürlich, so viele Zuspitzungsmöglichkeiten gibt’s ja nicht mehr, die Frage aufwirft: Was mag da noch als Nächstes kommen?

Wieder am 31. März und am 7. April, 19.30 Uhr.

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